Bis zu unserer Umbenennung im Juni 2014 hießen wir campusantifa. Die Gründe für die Umbenennung finden sich in unserem Umbenennungspapier . Eine Selbstverständigung unserer Gruppe haben wir in dem Papier „Der kommende Aufprall“ festgehalten.

Solltest du Lust haben bei uns mit zu machen, schreib uns einfach eine Mail (am besten Verschlüsselt!), sprich uns persönlich an oder komm auf eine unserer Veranstaltungen aus der Reihe „Klasse – Macht – Kampf“, die jeden 2. Dienstag um 19:30 Uhr in der Klapperfeldstr. 5 stattfinden – danach setzen wir uns immer noch gemütlich auf ein Getränk zusammen.

Einige grundlegende Überlegungen zu unserem Verständinis von Politik finden sich in dem Papier Der kommende Aufprall und in einem Interview, das wir zuerst im Semesterguide des Winters 2014/15 veröffentlich haben und das wir hierunter dokumentieren:

Die ehemalige campusantifa hat im Juni 2014 mit einem zweiseitigen Papier ihre Namensänderung in »Antifa Kritik und Klassenkampf« bekanntgegeben und begründet. Darin werden zum einen auf die Anfänge der Gruppe eingegangen, welche das Ziel hatte, antifaschistische Ideen und Organisation in die Hochschule hinein zutragen. Ihr schreibt jedoch auch, dass euch »die Konzentration auf dieses Politikfeld zu eng und eingeschränkt« war. Wie entstand dieser Sinneswandel?

Um diese Frage zu beantworten, muss ich ein bisschen ausholen. Es ist so, dass wir einen langen Diskussionsprozess über unsere politische Strategie und in diesem Kontext eben auch Gruppennamen geführt haben. Die Hochschule war eigentlich nie unser einziges Betätigungsfeld, der alte Name war somit eigentlich nie ausreichend für unsere Politik. Er hat vielmehr teilweise sogar zu Verwirrungen geführt. Klar waren wir an der Uni viel aktiv, vor allem im Zuge der Bildungsstreiks 2009, und begreifen die Uni auch nach wie vor als ein wichtiges Feld unserer Politik, doch der Fokus hat sich einfach erweitert. Hierfür gaben unter anderem die Streiks und die politischen Massenmobilisierungen gegen die mit der Krise des Kapitals gerechtfertigten Spardiktate in Spanien, Griechenland, Portugal und anderen europäischen Staaten einen entscheidenden Impuls. Einerseits zeigten sie die Notwendigkeit, der drastischen Verschlechterung der Lebensbedingungen vieler Menschen in Europa eine solidarische europäische Vernetzung linksradikaler und linker Kräfte entgegen zu setzen. Andererseits rührte sich in der BRD kein wirkungsvoller politischer Widerstand. Diese Situation trug genauso wie die gemeinsame Arbeit im Frankfurter Krisenbündnis auf jeden Fall dazu bei, dass wir uns die Frage stellten: Wie kann eine wirkungsvolle, sozialrevolutionäre Bewegung auf die Beine gestellt werden? Und welche Rolle wollen und können wir dabei einnehmen? Mit den Netzwerken Blockupy und M31 wurde der Versuch eine europäische Vernetzung herzustellen ja schon gemacht. Diese wurde auch in Ansätzen verwirklicht, dennoch war uns bald klar, dass aus diesen beiden Großmobilisierungen kein anhaltender und wirkungsvoller Widerstand erwachsen würde, denn sie vernetzten nur die üblichen politischen Aktivist*innen und selbst diese nicht langfristig. Das ist uns nicht genug!

Was waren erste Reaktionen auf euren neuen Namen?

Die Reaktionen waren durchaus durchmischt. Von Ablehnung und Unverständnis bis hin zu Lob für Name und Vorhaben der Gruppe war so ziemlich alles dabei, fast immer ging es dabei um den Klassenbegriff. Lob und Unverständnis basierten oft auf Missverständnissen. So denken die einen wir seien vollends durchgedreht und die anderen sie hätten uns endlich auch für ihren Kampf gewonnen. Uns war klar, dass wir mit diesem Begriff in vielen Bereichen nicht gerade eine Welle der Begeisterung auslösen würden. Das liegt offenbar daran, dass viele damit etwas verbinden, was wir gar nicht meinen. Aber eigentlich finden wir die Diskussionen darum ganz gut, sie sind ein Zeichen dafür, dass wir eine Auseinandersetzung mit dem Klassenbegriff in linksradikale Spektren hereingetragen haben, die zu großenTeilen glauben diesem keinen politischen Sinn mehr abgewinnen zu können. Das war auch eins unserer Ziele.

Aber ganz ehrlich: Klassenkampf, ist das nicht veraltet? Wie dürfen wir uns das vorstellen – heißt das, dass die ehemalige campusantifa nun jeden Morgen vor den Werkstoren steht?

Fragen dieser Art werden uns sehr häufig gestellt. Das hängt damit zusammen, dass mit dem Klassenbegriff oft eine bestimmte Vorstellung von Klasse verbunden wird. Diese verengt das Proletariat auf Industriearbeiter*innen. Dort wird behauptet, dass diese allein auf Grund ihrer Positionierung im Produktionsprozess ein revolutionäres Bewusstsein entwickelten. Der Antagonismus von Kapital und Arbeit treibe sie dazu, im Sinne eines revolutionären Automatismus, die Verhältnisse umzuwerfen. Als proletarische Klasse bezeichnen wir hingegen all diejenigen, die auf Grund ihres Ausschlusses vom gesellschaftlichen Reichtum und den Mitteln der Reproduktion, in weitesten Sinne von Lohn abhängig sind. Das schließt neben Menschen, die lohnarbeiten, bezahlte wie unbezahlte Care Arbeit Leistende, Menschen die staatliche Hilfe bekommen genauso wie große Teile der Studis, Schüler*innen und Auszubildenden ein. Durch ihre Stellung im Reproduktionsprozess des Kapitals gehören sie objekiv zur Klasse der Lohnabhängigen; daraus lässt sich aber nur wenig auf ihr Bewusstsein schließen. Von daher, um deine zweite Frage zuerst zu beantworten: Nein, wir werden den Industriearbeiter*innen nicht vor den Werkstoren auflauern, um ihnen Parteibücher oder das »richtige Argument« anzudrehen. Sie machen nur einen Teil der Menschen aus, die wir als Lohnabhängige begreifen. Klassenbewusstsein begreifen wir nicht als Block von Lehrsätzen, welcher von außen an das Proletariat herangetragen werden müsste. Vielmehr entsteht dieses erst im gemeinsamen Kampf, in der Form eines an die Bedürfnisse der Lohnabhängigen anknüpfenden, parteiergreifenden Totalitätsbewusstseins.

Das Kapitalverhältnis ist außerdem nicht das einzige bestehende Herrschaftsverhältnis. Es ist eng verwoben mit den aktuellen Formen von Rassismus und Sexismus, die zu seiner Reproduktion beitragen, indem sie bspw. gewaltvolle Ausgrenzung und Minderbezahlung legitimieren. Die zueinander in Konkurrenz gesetzten Lohnabhängigen machen sich nur allzu oft Ideologie und Herrschaftsmechanismen des Rassismus und des Sexismus zu eigen. Doch auch wenn die Lohnabhängigen nicht per Automatismus zur Revolution bestimmt sind, sie durch allgegenwärtige Konkurrenz eher vereinzeln als sich zusammenzuschließen, bleiben sie ein*e potentielle*r Träger*in sozialer Emanzipation. Der Gegensatz von Kapital und Lohnarbeit bleibt für die Gesellschaft grundlegend. Das macht die Orte an dem er ausgetragen wird zu einen Punkt für Widerstand und Organisierung – Dies entlang der eigenen Bedürfnisse und gegen das Kapital, dessen Verwertung die Reduktion der Bedürfnisse der Lohnabhängigen auf ein bloßes Anhängsel bedeutet. Klassenkampf bedeutet für uns in diesem Sinne den Versuch der Aneignung der materiellen, sozialen und zeitlichen Bedingungen der Produktion, Reproduktion und Bedürfnisbefriedigung. Praktisch ermöglicht der Begriff eine Klammer zwischen den verschiedenen Kämpfen in der Produktions- und Reproduktionssphäre herzustellen und gleichzeitig Theorie als bedürfniszentrierte, als materielle Gewalt in die Praxis zu überführen. Klassenkampf ist also alles andere als ein alter Hut, er bleibt wichtiges Praxisfeld für Linksradikale – bis diese Klassengesellschaft abgeschafft ist.


Was haltet ihr von Haupt- und Nebenwiderspruch?

Rassismus und Sexismus sind eigenständige Herrschaftsverhältnisse. Hierfür ein Beispiel: Historisch betrachtet ist zumindest das Patriarchat älter als der Kapitalismus. Unter ihm hat es jedoch eine neue Form angenommen. Der Kapitalismus begünstigt den Fortbestand des Sexismus und umgekehrt. Mit der Trennung der unmittelbaren Produzent*innen von den Produktionsmitteln ist bereits die Trennung von Produktions- und Reproduktionssphäre sowie Lohn- und Carearbeit gesetzt. Diese Abspaltung von allem, was nur bedingt der kapitalistischen Produktion unterzuordnen ist, geht bis in das menschliche Gefühlsleben hinein. Das bedeutet aber eben nicht, dass das Ökonomische im engeren Sinne allem anderen vorgeordnet wäre.


Seid ihr denn noch an der Uni anzutreffen?

Die Hochschule ist für uns nach wie vor ein wichtiges Politikfeld. Man könnte aber sagen, dass sich die Art und Weise, wie wir hochschulpolitisch aktiv sein wollen, geändert hat. Es geht uns im Sinne unseres Klassenbegriffs darum, uns entlang der eigenen konkreten Lebensbedürfnisse und -bedingungen zu organisieren. Da einige von uns nach wie vor einen Großteil ihres Lebens an der Hochschule verbringen, bedeutet das natürlich auch, sich dort zu organisieren und zu vernetzen.
Wir betrachten die Hochschule als einen gesellschaftlichen Ort, an dem die Studierenden für ihre künftige Ausbeutung vorbereitet werden, einen Ort, an dem eben künftige Arbeitskräfte für die kapitalistische Wirtschaft ausgebildet werden. Als solcher ist sie derselben Kapitallogik unterworfen wie der Rest der Gesellschaft. Insofern erscheint es uns unter den derzeitigen Bedingungen sinn- und hoffnungslos einem verklärenden Ideal freier, gleicher Bildung hinterher zu rennen und die Umsetzung desselben von der Uni zu fordern. Ein solches Ideal umzusetzen ist nicht ihre Aufgabe innerhalb des kapitalistischen Systems, welches sich noch dazu in der Krise befindet.
Die Hochschule ist aber gleichzeitig ein Ort, an dem Menschen arbeiten, lernen und lehren, die jeweils spezifische Motivationen, Bedürfnisse und Erwartungen an ihre Arbeit, ihr Studium, ihre Lehre haben. Wenn diese verschiedenen Aspekte im Konkreten aufeinandertreffen, kommt es häufig zu Konflikten. Beispielsweise wenn wissenschaftliche Hilfskräfte unter prekären Arbeitsbedingungen an der Hochschule beschäftigt werden oder wenn Studierende in überfüllten Seminarräumen »kritisch« denken sollen bzw. wollen. Diese Konfliktlinien, man könnte sagen, zwischen bestimmten Interessen der Arbeitenden und Studierenden an der Hochschule und der kapitalistischen Verwertungslogik, die natürlich auch vor den Toren der Uni nicht halt macht (sosehr sich der IG-Farben Campus auch nach außen abschottet), gilt es unserer Meinung nach hervorzuheben. Entlang dieser Konfliktlinien kann die Organisierung vorangetrieben werden und die entsprechenden Konflikte somit verschärft bzw. ausgetragen werden, anstatt sie immer nur in sich rein zu fressen. Langfristig erhoffen wir uns davon eine Verstetigung der Organisierung an der Uni, die ja bisher eher punktuell (bspw. Studiengebühren) geglückt ist, sowie eine Vernetzung zwischen Studierenden und Beschäftigten. Solche Prozesse bauen aber auch auf einem Bewusstsein über die eigene Position im gesellschaftlichen Ganzen, das heißt auf einem Verständnis über die Zusammenhänge zwischen kapitalistischer Verwertung, deren Krisendynamik und dem universitären Ausbildungsbetrieb. Dieses Bewusstsein kann sich aber auch durch eine gemeinsame Praxis, den Kämpfen um die eigenen Bedürfnisse und Interessen entwickeln. Perspektivisch gesehen müssten Proteste an der Hochschule sich mit anderen Krisenprotesten und Alltags- und Interessenkämpfen vernetzten, sich als teil derselben begreifen: Studentischer Protest als Kampf von Menschen um ihre Lebens-, Arbeits- und Ausbildungsbedingungen, aus dessen Praxis sich ein Bewusstsein über die kapitalistische Totalität, die eigene Position innerhalb dieser, sagen wir Klassenbewusstsein entwickeln kann.
Um nochmal kurz auf deine Frage zurückzukommen: die HiWi Initiative (Initiative wissenschaftlicher Hilfskräfte gegen ihre prekären Beschäftigungsverhältnisse) finden wir einen sehr wichtigen Schritt in die richtige Richtung, die M31 Hochschulplattform, die wir vor ca. einem Jahr initiiert haben, um verschiedene linke Aktivist*innen zu vernetzen, möchten wir in etwas anderer Form, aber mit der gleichen Idee einer Austauschplattform für linke Kräfte an der Uni weiterführen. Sie stellt für uns einen Versuch dar, Kräfte zu bündeln und Organisierung zu verstetigen, inhaltlichen Austausch zu verstärken. Außerdem wird unser Semesterguide selbstverständlich weiterhin und (fast) pünktlich wie immer zum Semesterstart zu haben sein.


Wie wollt ihr das praktisch anstellen?

Naja, praktisch bedeutet das für uns in Zukunft kontinuierliche und langfristig angelegte politische Arbeit zu machen, vor allem wo es möglich ist auch viel Vernetzung zwischen bereits Kämpfenden zu betreiben. Sicher wird diese Arbeit deutlich weniger eventbezogen sein, das heißt wahrscheinlich auch weniger spektakulär im wörtlichen Sinn.
Uns ist es zum einen wichtig, uns an den Orten, wo wir selber ganz direkt kapitalistischen »Zwängen« unterworfen sind, dem etwas entgegen zu setzen, uns selbst zu organisieren, aber entlang der eigenen konkreten Lebensbedürfnisse. Das heißt zum einen natürlich auf der Arbeit, aber ebenso an der Uni, in der Schule, FH oder als Mieter*innen, um nur einige zu nennen. Parallel dazu wollen wir auch sonst den Fokus mehr auf diejenigen Alltagskämpfe richten, in denen Menschen für ihre Bedürfnisse und gegen die kapitalistische Unterdrückung derselben kämpfen. Diese gilt es zu unterstützen, zu vernetzen und zu verschärfen.
Uns ist klar, dass wir als Frankfurter Politgruppe nur einen kleinen Beitrag leisten können. Dieser könnte beispielsweise die praktische Unterstützung von Streikenden sein oder auch das Herstellen von Kontakten zwischen Lohnabhängige in verschiedenen Bereichen. Dabei ist uns Offenheit gegenüber potentiellen Mitstreiter*innen wichtig, was nicht heißen soll, dass wir für uns nicht weiterhin großen Wert auf klare politische Positionierung setzen. Vielmehr ist es klar, dass ein derartiges politisches Vorgehen, was ja dazu beitragen soll der Marginalität linksradikaler Inhalte entgegenzuwirken, ohne Offenheit und Streitfähigkeit nicht auskommt. Dabei gehen wir davon aus, dass die praktische Erfahrung gemeinsamer Kämpfe eine gute Grundlage für das Entstehen von Klassenbewusstsein sein kann, dieses Potential wollen wir verstärken, Impulse setzten und Diskurse anregen. Langfristig d.h. In den nächsten Jahren geht es um die Etablierung einer übergreifenden Struktur, die diese Vernetzungen
bündeln und Kontinuität sowie einen gemeinsamen Diskussionsprozess organisieren kann.

Was hat denn Klassenkampf mit Antifa zu tun?

Klassenkampf und Antifaschismus sind für uns notwendige Bestandteile einer sozialrevolutionären Politik, und das aus mehreren Gründen. Zum einen haben wir uns weiterhin als Antifa bezeichnet, weil jede sozialrevolutionäre Bewegung sich – allerspätestens seit Auschwitz – darüber im klaren sein muss, dass das Unbehagen an den bestehenden Verhältnissen keineswegs notwendig in emanzipatorischer Richtung ausschlagen muss. Nationalistische, völkische, rassistische und antisemitische Tendenzen in der Gegenwart deuten ja nur zu deutlich darauf hin, dass der Wunsch nach Veränderung auch regressiv beantwortet werden kann. Schon deshalb muss der Antifaschismus Bestandteil sozialrevolutionärer Politik bleiben und in diesem Sinne ist der Klassenkampf auf den Antifaschismus angewiesen.
Das gilt aber auch umgekehrt. Antifaschismus bedeutet für uns immer mehr als die bloße Verteidigung der bürgerlichen Gesellschaft gegen ihre negative Aufhebung, denn schließlich sind Faschismus und NS-Faschismus Geschöpfe eben dieser Gesellschaften der kapitalistischen Moderne. Wer den Faschismus bekämpfen und unmöglich machen will, muss seine sozialen Entstehungsbedingungen, also die kapitalistische Vergesellschaftung, theoretisch und praktisch in die Kritik nehmen und letzteres wollen wir eben mittels einer emanzipatorischen Form von Klassenkampf tun. Insofern ist also der Antifaschismus, will er konsequent sein, auf den Klassenkampf verwiesen – es reicht eben nicht, Nazidemos zu blockieren und Faschist*innen auf der Straße umzuboxen.
Drittens hat der Klassenkampf aber bereits in sich ein antifaschistisches Moment, und zwar insofern als er der Entsolidarisierung der globalen Klasse der Lohnabhängigen, die durch nationalistische, antisemitische und rassistische aber auch sexistische Strukturen und Ideologien erzeugt wird, entgegenarbeitet. Klassenkampf wie wir ihn verstehen – als Selbstätigwerden der Lohnabhängigen – ist darüber hinaus eine Praxis der Entunterwerfung und damit gegen den autoritären Charakter gerichtet. Er ist das Gegenprinzip zur Volksgemeinschaft.