Felix Riedel: Antiökologie – ein spätkapitalistisches Syndrom

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Vortrag und Diskussion über Klimawandelleugnung und Antiökologie als spätkapitalistisches Syndrom am 3. Juli um 18.30 Uhr im Café KoZ.

Die kapitalistische Produktionsweise basiert auf zwei Quellen: die Ausbeutung der Arbeiter und die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen. In einem zum Wachstum verdammten System muss daher eine von beiden Quellen stärker ausgebeutet werden, wenn die der anderen Quelle Schranken erfährt. Der Fortschritt des Wohlstandes der Arbeiterschaft in den Industriestaaten basierte auf der beispiellosen Ausbeutung von natürlichen Ressourcen: Walfang, Holzkohle, später Braun- und Steinkohle, Reduktion von Fischbeständen, Urwäldern und letztlich Zerstörung der klimatischen Stabilität.

Unter dem Druck von ArbeiterInnen wurden Teile der Umweltbelastung technologisch gelöst, indem Filter und Verbrennungstechnik die Arbeits- und Lebensbedingungen im Westen wieder angenehmer machten. Das weckte die Suggestion einer ewigen technologischen Lösbarkeit. Tatsächlich aber wurde der Raubbau kaschiert und verlagert. Einen globalen Rückgang der Belastung von Natur gab es nie. Der „London peasoup fog“ ereilte nunmehr Peking, statt Walfett werden Torfwälder in Indonesien verbrannt. Und trotz aller Filtertechnik gelingt es nicht, den globalen CO2-Ausstoß zu senken. Eine Verdoppelung von Weltwirtschaftsleistung bei gleichzeitiger Halbierung oder sogar Nullierung des CO2-Ausstoßes ist schlicht unmöglich.

Mehr denn je ist die Umstellung auf Planwirtschaft gefragt und weniger denn je ist sie erwartbar. Die anstehende Katastrophe weckt das Bedürfnis nach bürgerlicher Ideologie: Leugnung, Schuldprojektion und Fatalismus sollen verdrängen, was an rationalen Antworten entsteht in den Klimastreiks von Kindern, in den vermeintlich hilflosen Rebellionen, in den privaten Lösungen.
Rackets aus Lobbyisten, Rechtspopulisten und Agitatoren übertreffen sich in der Ausbeutung intellektueller Ressourcen für diesen ideologischen Krieg, der letztlich die Besitzstandswahrung bis zuletzt aufrechterhalten soll. Die Fälschungen haben vor allem die Funktion des Astroturfing: künstliche Suggestionen von breiter Anhängerschaft und dadurch gesellschaftlicher Relevanz. Erstes Ziel der Antiökologie ist der Angriff auf klar erkennbare Gruppen, die das Prinzip der Ökologie vertreten: Die Grünen wurden von CDU/CSU, AFD und FDP als Hauptgegner gewählt und mit Propaganda überzogen, die häufig auf nationalsozialistische Bilder und Motive zurückgreift.

Tatsächlich ist Wissenschaft trotz lobbygesteuerter Gegenstudien einhelliger denn je, was die zentralen Probleme angeht: Artensterben, CO2-Gehalt, Folgenkalkulationen. Ist es unmöglich, die Katastrophe zu verhindern, die längst als Artensterben stattfindet, so steigt doch der Druck, in den kommenden zwanzig Jahren das Schlimmste im Jahr 2100 zu verhindern, also irgend unter drei Grad zu bleiben, und wenn das fehlschlägt, wenigstens die vier und die fünf nicht zu erreichen.

Der Vortrag erläutert an Beispielen die Strategien bürgerlicher Ideologien über Ökologie und Klimawandel und verweist auf die autoritären Konsequenzen, die bürgerliche Gesellschaft daraus zieht.

Felix Riedel (Dr. phil.) ist promovierter Ethnologe und freiberuflich in der politischen Bildung tätig. Er führt das Blog www.nichtidentisches.de und publiziert als freier Autor (www.felixriedel.net).


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