Der Workers‘ Club – Reflexionen über einen ersten Versuch

Wie ihr sicher wisst, suchen auch wir seit längerem nach Wegen heraus aus dem alltäglichen Elend und hin zum Kommunismus. In Zeiten wie diesen, in denen die Revolution in weite Ferne gerückt ist, sehen wir – auch das ist sicher nichts Neues – einen wichtigen Schlüssel in neuen Klassenpolitiken, die mit dem Aufbau selbstorganisierter Strukturen einhergehen. Damit wollen wir uns in die Lage versetzen, radikale Kämpfe auf breiter Basis und entlang von Bedürfnissen führen zu können. Bei der Suche nach geeigneten Formen der Organisierung stehen wir im engen Austausch mit verschiedenen Gruppen, die zu ähnlichen Themen arbeiten, spannende Gedanken formulieren oder sich praktisch ausprobieren. Unsere Suche hat uns auch den Blick in die Vergangenheit werfen lassen, wobei wir dem Konzept der Workers Center in Kontakt gekommen sind. Dabei handelt es sich um eine Organisationsform, die seit den 1970er Jahren in der US-amerikanischen Arbeiterbewegung verfolgt wird.

Mit dem Workers‘ Club, wie wir das Center nennen wollen, soll ein Ort geschaffen werden, der den Austausch unter Arbeitenden ermöglicht, um so Vereinzelung und gefühlter Ohnmacht etwas entgegensetzen zu können. Der Workers‘ Club dient außerdem als Plattform, von der aus eine gemeinsame Organisierung nach Arbeitsfeldern ausgehen kann sowie Kämpfe geführt werden können. Darüber hinaus strebt der Workers‘ Club eine stadteilübergreifende Vernetzung an und kann so auch Themen wie Mieten oder Wohnverhältnisse in den Fokus nehmen. Somit könnte daraus ein Ort realer Vernetzung und Solidarität entstehen, der durch die Individualisierung und Flexibilisierung der Arbeits- und Lebensverhältnisse weggebrochen ist. Letzten Endes sollen Workers‘ Clubs, anders als Gewerkschaften, aber nicht nur dazu befähigen, einzelne Kämpfe zu führen. Vielmehr sollen sie einen Beitrag dazu leisten, eine gemeinsame Kultur zu etablieren, sich gemeinsam (weiter-) zu bilden und ein Bewusstsein über den geteilten, gemeinsamen Problemzusammenhang, das Klassenbewusstsein (wieder-)herzustellen. Sie sollen somit ein Ort sein, an dem Kämpfe nicht nur geführt, sondern auch diskutiert, interpretiert und dokumentiert und weitergeführt werden.

Aus der Diskussion rund um neue Klassenpolitik innerhalb der radikalen Linken sind verschiedene Initiativen hervorgegangen, die allesamt versuchen, alternative Formen der Selbsorganisierung voranzutreiben, die zugleich das Potential innehaben, nicht nur einzelne partikuläre Erfolge zu erzielen, sondern Widerstand erfahrbar zu machen und diese Erfahrung weiterzutragen und weiterzutreiben. Darunter etwa unsere Londoner Genoss_innen von Angry Workers of the World, die mit dem Projekt des Solidarity Networks ein ähnliches Vorhaben verfolgen. Dieses Projekt ist mittlerweile schon recht weit ausgereift und durchdacht – wogegen wir mit unserem Versuch noch an einem schwierigen Anfang stehen: Wird es angenommen werden? Schaffen wir es damit, einen gemeinsamen Bezug zwischen linksradikalen Aktivisten herzustellen, der sich entlang von realen Arbeits- und Lebensverhältnissen orientiert? Wir wollen dabei vermeiden, ein äußeres Verhältnis zu den Dingen zu entwickeln und als Aktivisten ein Thema zu bearbeiten. Es geht uns auch nicht darum, bloß irgendwen zu agitieren. Das Proletariat ist nicht nur die Arbeiterin vom Band bei Opel. Wir selbst sind die Proletarisierten und bei unseren ersten wackeligen Versuchen auf dem Weg in Richtung Workers‘ Club wollen wir also zunächst einmal über die eigenen Bedürfnisse sprechen.

Deshalb laden wir euch alle ein, gemeinsam über Probleme proletarischer Reproduktion zu sprechen und die Möglichkeit konkreter Interventionen und Kämpfe zu entdecken. Beim nächsten Treffen am 27. Oktober 2018 soll es dabei um den öffentlichen Sektor gehen, genauer gesagt: vor allem um Lehre, Erziehung, pädagogische und soziale Berufe.

Bei einem ersten Treffen im Juni haben wir uns bereits einen ersten Überblick über geteilte Problemlagen verschafft. Erste Fragen lauteten dabei:

- Wo arbeiten wir Linke?
- Wie sehen unsere Arbeits- und Reproduktionsverhältnisse aus?
- Welche materiellen Konflikte haben wir am Arbeitsplatz?

Ziel war es, durch eine erste „Bestandsaufnahme“ und einen Erfahrungsaustausch langfristig auch die Möglichkeit konkreter Interventionen und Kämpfe auszuloten.

Zu unserem ersten Treffen kamen mehrere Leute zusammen, die in verschiedenen Arbeitsverhältnissen (Vollzeit, Teilzeit, Mini-/Studijob) im öffentlichen Sektor tätig sind, namentlich im Bereich Soziale Arbeit, Erziehung und Bildung. In den Gesprächen über die Probleme, mit denen man in diesen Verhältnissen konfrontiert sieht, ergab sich folgendes Bild:

Zum einen unterscheiden sich unsere Situationen nicht nur anhand verschiedener Sektoren, sondern auch anhand des Beschäftigungsverhältnisses. Dabei bewegen sie sich zwischen den beiden Polen einer sehr starken Absicherung (Beamtentum) und guten Bezahlung einerseits und einer von kurzfristigen (projektbezogen, Studijob) und/oder schlecht bezahlten Arbeit geprägten Sphäre der ‚Prekarität‘.

Aus diesen beiden Polen ergeben sich unterschiedliche Schwierigkeiten im Hinblick auf (mögliche) Kämpfe: So bringt es die Arbeit am zweiten Pol („Prekarität“) mit sich, dass es häufig nicht für der Mühe wert erachtet wird, sich in die Anstrengungen eines Arbeitskampfes zu verstricken, da von Vorneherein keine Zukunft in diesem Beschäftigungsverhältnis angestrebt wird. Nehmen die schlechten Bedingungen zu sehr Überhand, schaut man sich lieber nach dem nächsten Job um, anstatt für bessere Bedingungen zu kämpfen.

Die Arbeit am anderen Pol („Vollzeit“) birgt dagegen die Schwierigkeit, Lohnarbeit und Privatleben unter einen Hut zu bekommen. Aufgrund der vielen Zeit und Energie, die für die Lohnarbeit verausgabt werden, bleiben wenig Kapazitäten für Freizeit und auch politische Arbeit. Gleichzeitig besteht an diesem Pol häufig eine hohe Identifikation mit der Lohnarbeit. Dieses Problem wird besonders im öffentlichen Sektor sichtbar. Für diesen Sektor, also Schule, Universität und Sozialarbeit, ergaben sich zudem spezielle Probleme.

Gerade hier findet häufig eine starke Identifikation mit dem Arbeitsinhalt statt; die Arbeit selbst wird häufig als Politische verstanden. Diese Arbeit wird nicht nur subjektiv für sinnvoll, richtig und wichtig gehalten, sondern beinhaltet auch Verantwortung gegenüber Anderen, wie Klient*innen, Schüler*innen oder Lehrer*innen. Damit verschwimmt auch die Trennung zwischen Lohnarbeit, Politik und Privatem. Die hohe Identifikation und starke emotionale Verbundenheit führt so zu Doppelbelastungen und Selbstausbeutung und steht Kämpfen daher häufig diametral gegenüber.

Zudem herrscht besonders im öffentlichen Sektor häufig Unklarheit darüber, an wen (welche) Forderungen zu richten sind – an unmittelbare Vorgesetzte (bspw. Prof.), Organisationsleitungen (Dekanat/Präsidium) oder an den Staat (Länder/Bund). Auch dies stellt eine Hürde in Bezug auf mögliche Arbeitskämpfe dar. Gleichzeitig wird von diesen zur Abwehr der Forderungen die Verantwortung ebenso unklar hin und hergeschoben nach dem Motto: „Wir würden ja, wenn das Land uns mehr Geld gibt“. Insgesamt zeigte sich somit, dass insbesondere die hohe Identifikation mit der Arbeit und den Arbeitgeber_innen ein fehlendes proletarisches Bewusstsein in Bezug auf die eigene Lohnarbeit zum Ausdruck bringt. Dies ist sicherlich vor allem für den öffentlichen Sektor ein zentrales Problem.

Da beim ersten Treffen sich eine Fokussierung auf den öffentlichen Sektor abgezeichnet hat, wollen wir uns diesem nun verstärkt zuwenden. Der öffentliche Sektor stellt dabei jedoch nur ein Arbeitsfeld von vielen dar, die es in Bezug auf ihren Zusammenhang mit der Totalität kapitalistischer Verhältnisse zu analysieren gilt. Dabei geht es uns nicht um eine abstrakt-wissenschaftliche Beschreibung, sondern darum Risse, also Möglichkeiten für Kämpfe und Organisierung offenzulegen. Dies ist nur möglich, wenn die Menschen, die alltäglich innerhalb dieser Verhältnisse um ihre Reproduktion kämpfen, ihre konkreten Erfahrungen in die Diskussion einbringen.
Beim nächsten Treffen möchten wir aufgrund der Erfahrungsberichte von letztem Mal und euren Beiträgen die Diskussion vertiefen:
Welche Probleme ergeben sich für Kämpfe und Organisierung im öffentlichen Sektor und worin steckt ihr Potential? Sind die vermeintlich flachen Hierarchien ein Hindernis für Kämpfe oder bieten sie die Möglichkeit Statusgruppen-übergreifender Bündnisse? Wie können Kämpfe im sozialen Bereich stattfinden ohne das Vertrauensverhältnis zwischen Arbeiter*innen und Klient*innen zu beschädigen – oder letzteren körperlich zu schaden (siehe als Positivbeispiel: Charité Berlin)? Liegt in der Erfahrung der unmittelbaren Beschneidung von Bedürfnissen (siehe Pflegedebatte) die Möglichkeit der Politisierung?
Als Einstieg wird es ein Inputreferat zur Kritik der politischen Ökonomie des öffentlichen Sektors geben.

Wir würden uns daher freuen, euch am 14.11. um 19 Uhr im Centro zu sehen.