Krise – Klassenkampf – Organisierung

Wir dokumentieren hier den Text „Krise – Klassenkampf – Organisierung“, den wir im September 2015 in dem von Peter Nowak herausgegebenen Buch „Ein Streik steht, wenn mensch ihn selber macht“ veröffentlicht haben.
Hier auch im lesefreundlichen PDF-Format.

Krise – Klassenkampf – Organisierung

Im Jahr 2014 kam es zu einigen weitreichenden Umstrukturierungen und Umbenennungen innerhalb der radikalen Linken in der BRD. So ging der norddeutschlandweite Zusammenschluss „avanti“ in die Interventionistische Linke auf, die Antifaschistische Revolutionäre Aktion Berlin (ARAB) trat der Neue(n) Antikapitalistischen Organisation (NaO) bei und die Antifaschistische Linke Berlin (ALB) löste sich komplett auf, was von manchen als das Ende der Antifa-Bewegung verstanden wurde. Auch unsere Gruppe gab im Juni 2014 ihre Umbenennung bekannt. Wir legten unseren alten Namen „campusantifa“ ab und treten seitdem unter dem Namen Antifa Kritik & Klassenkampf auf. Diese Veränderungen und Umstrukturierungen zu diesem Zeitpunkt sind sicher nicht dem Zufall geschuldet, sondern der Ausdruck dessen, dass die Linke, angesichts der sich auf europäischer Ebene manifestierenden Weltwirtschaftskrise und den damit einhergehenden verschärften Angriffen des Kapitals auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Lohnabhängigen, es nicht schaffte, in die Offensive zu kommen, und stattdessen rechte und faschistische Bewegungen in vielen europäischen Ländern an Zulauf gewinnen (mit den Parteien UKIP, FN, FIDEZS und AfD seien hier nur einige Beispiele genannt). Und auch in denjenigen südeuropäischen Ländern, in denen sich in den Anfangsjahren der Krise noch größere außerparlamentarische Gegenoffensiven formierten, scheinen die Kampfzyklen vorerst gescheitert und auf dem Rückzug in den Insurrektionalismus (griechischer Anarchismus) oder im Prozess der Transformation in den Parlamentarismus (Podemos, Syriza).
Die Umbenennungen im letzten Jahr und das Zusammengehen verschiedener linksradikaler Gruppen verweist also auf den erhöhten Bedarf an strategischer Diskussion innerhalb der außerparlamentarischen Linken seit dem Ausbrechen der Krise. Geliebte frühere Einsichten sind angesichts der historischen Situation ins Wanken geraten. Stattdessen müssen Antworten gefunden werden, die der Dimension der nicht enden wollenden Angriffe des Kapitals angemessen sind. Denn die Krise ist keineswegs ausgesessen. Sie ist vielmehr der Ausdruck der grundlegenden Krisenhaftigkeit kapitalistischer Vergesellschaftung, die in ihren inneren Widersprüchen angelegt ist. Sie ist vor allem auf die grundlegenden Widersprüche zwischen den Bedingungen der Produktion von Mehrwert und den Bedingungen seiner Realisierung zurückzuführen (vgl. MEW 25: 254f.).1 Bei der Krise, mit der wir momentan konfrontiert sind, handelt es sich um den Ausbruch der seit dem Ende des Fordismus in den 1970er Jahren verschobenen Probleme dieses Akkumulationsmodells. Die Profitraten brachen damals u.a. aufgrund von mangelnden Rationalisierungsreserven und einer relativen Stärke der Lohnabhängigen ein. Die zur Krise treibenden Widersprüche setzten dem Fordismus – im Verbund mit verschiedensten Formen sozialer Kämpfe – ein Ende und wurden nun durch die „neoliberale“ Offensive der Deregulierung, Privatisierung, Finanzialisierung und Zerschlagung der Gewerkschaften bearbeitet. Heute zeigt sich, dass auch diese krisenpolitische Strategie gescheitert ist (was natürlich nicht heißt, dass sie politisch als überholt gilt). Weder die neoliberale Austeritätspolitik noch ein Wiederaufleben des Keynesianismus können die inneren Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise lösen. Vor diesem Hintergrund teilen wird die Einschätzung, dass nur eine tiefe Depression, in der sich der aufgestaute Entwertungsdruck auf dem Rücken der Lohnabhängigen entlädt, aus diesem Dilemma herausführen kann (vgl. Mattick 2012: 108) – oder eben ein sozialrevolutionärer Prozess, in dessen Verlauf mit den Imperativen kapitalistischer Produktion gebrochen wird.

It’s the class struggle, stupid

„Die Hoffnung der Linken kann in dieser Krise nur in einer nachholenden Entwicklung hin zu einem radikalen Arbeiterbewusstsein liegen, denn drei Jahrzehnte erlahmender Arbeiterkämpfe sind nicht auf die Schnelle kompensierbar. […] Die Linke sollte ihre Praxis an dieser Hoffnung orientieren, d.h. es gilt, eigene Versäumnisse auszubügeln und den sozialen Kontinent der Arbeiterklasse für die Linke wieder zu entdecken.“ (Cubela 2014: 148f.)

Als Gruppe beteiligten wir uns seit Beginn der Krisenproteste in der BRD im Jahre 2009 an diesen. So organisierten wir zusammen mit dem sozialrevolutionären und antinationalen Krisenbündnis Frankfurt, an dem unter anderem die klassenkämpferische Basisgewerkschaft FAU, die Ökologische Linke und zum damaligen Zeitpunkt die UmsGanze-Gruppe autonome.antifa [f] beteiligt waren, einen sozialrevolutionären Block auf der ersten „Wir zahlen nicht für eure Krise!“-Demonstration am 28.3.2009 in Frankfurt/Main, an dem sich ca. 2.000 Menschen beteiligten. Im Jahre 2010 wurde die Arbeit im Krisenbündnis mit der Kampagne „3, 2, 1 … uns. Kapitalismus abschaffen!“ fortgesetzt. In deren Kontext versuchten wir, verschiedene konkrete Kämpfe (etwa die Bildungsstreiks an der Uni, Kämpfe gegen Leiharbeit oder um Mobilität) in dem größeren gesellschaftlichen Kontext von antikapitalistischen Krisenprotesten zu verorten. Ihren vorläufigen Höhepunkt fand die Arbeit des sozialrevolutionären Krisenbündnisses in dem von ihm maßgeblich mitgestalteten M31-Aktionstag gegen den Kapitalismus im März 2012. An diesem gingen in über vierzig europäischen Städten viele tausende Menschen gegen den Kapitalismus und die Krisenverwaltung der Troika auf die Straße.
Auch wenn dieser Tag sicherlich als ein Erfolg gewertet werden kann, hinterließ er nicht nur bei uns das Gefühl, dass es zwar motivierend ist, an einem solchen Tag mit vielen tausend Gleichgesinnten seinen Unmut über die Abladung der Krisenfolgen auf den Schulter der Beherrschten lautstark (und mitunter auch „militant“) herauszulassen, weitergehende antikapitalistische Perspektiven sich aus dieser Fixierung auf die Organisation einer rein abstrakten Mobilisierung gegen den Kapitalismus aber eher weniger ergeben. Deshalb begannen wir einen langen Diskussionsprozess über die strategische Ausrichtung linksradikaler Politik und vor allem eine Hinterfragung eigener Positionen unter den Leitfragen: Wie kommt man weg von der beschriebenen Form der Symbolpolitik zu einem realen Eingriff in die Herrschaftsverhältnisse? Wie kann also eine wirkungsvolle, handlungsfähige sozialrevolutionäre Bewegung auf die Beine gestellt werden? Und welche Rolle wollen und können wir dabei einnehmen?

Wir identifizierten dabei zwei idealtypische Formen, wie Kämpfe gegen den Klassenkampf von oben momentan geführt werden und die beide auf ihre Weise zu beschränkt sind:

a) In der Form nicht über sich selbst hinausblickender Alltags- und Interessenkämpfe von Lohn- und Reproduktionsarbeiter*innen, Mieter*innen, Studierenden u.a. Der Mangel an gesellschaftlicher Kontextualisierung der vereinzelten Kämpfe der Lohnabhängigen und der sie repräsentierenden Organisationen macht sie zu langfristig wirkungslosen Erscheinungen.

b) Demgegenüber steht die Abstraktheit der Kämpfe linker und linksradikaler Politgruppen, die ihren Blick immer an sich selbst vorbei auf die Abschaffung des Kapitalismus richten. Der Mangel an Verankerung in Alltags- und Arbeitskämpfen macht sie zu wirkungslosen Erscheinungen.

Nicht zuletzt aufgrund der kritischen Diskussion der Thesen zur Care-Revolution (Winker 2011) sehen wir einen Ausweg aus dieser Situation darin, dass sich die Forderung nach der Abschaffung des Kapitalismus aus den Widersprüchen, in denen die Bedürfnisse des eigenen Lebens zu den Bedürfnissen des Kapitals stehen, ergeben muss. Sie bleibt idealistisch, solange sie reine Erkenntnis des gesellschaftlichen Ganzen bleibt und nicht die Bewegung des aus sich heraustreibenden Widerspruchs im Besonderen ist. Weder die systemimmanenten Einzelforderungen reiner Interessenkämpfe noch die scheinbar außerhalb des Systems stehenden Forderungen nach der Abschaffung des Kapitalismus können für sich ihr Ziel erreichen, es mangelt ihnen am jeweils anderen. Es geht also um das alte Problem, dass „die sozialistische Bewegung heute und hier nur dann reale gesellschaftliche Bedeutung gewinnen wird, wenn sie die chinesische Mauer zwischen isolierten Tageskämpfen einerseits [und] weitgespannten sozialistischen Zukunftsvorstellungen andererseits durchbricht“ (SB 1973: 11).
Ein Versuch, das Problem auf einer praktischen Ebene anzugehen, war das Papier „Europäische Generalstreiks sind auch unsere Sache!“ des M31-Netzwerks, in dem zu diesem Zeitpunkt ähnliche Probleme gesehen wurden. Wir schlugen dort vor, Verbindungen mit kämpferischen Kolleg_innen in den Betrieben und Gewerkschaften, solidarischen Schüler_innen, Studierenden und Erwerbslosen, politischen Aktivist_innen etc. aufzubauen und sich mit diesen zu verständigen, wie bei einem erneuten europäischen Generalstreik der kapitalistische Alltagsbetrieb auch hier effektiver lahm gelegt werden könnte, als durch eine weitere Demo. In diesem Zusammenhang lernten wir auch einige Genoss_innen des transnationalen Basisgewerkschaftsnetzwerks TIE kennen und trafen uns mehrmals mit ihnen zu fruchtbaren Diskussionen über Interessenskämpfe und sozialrevolutionäre Strategien. Während wir eindeutig der Position b) entstammen, ist es bei TIE andersherum. Sie sind im Laufe ihrer mehr als dreißigjährigen Arbeit ungewollt eher bei Punkt a) gelandet. Unter anderem aus diesen Diskussionen zogen wir den Schluss, dass die vermittelnde Kategorie oder die gemeinsame Klammer in einer erneuerten, gegenüber traditionellen Konzepten erweiterten Klassenkampf-Perspektive zu suchen ist.

Die Entmystifizierung des Proletariats – Wirklichkeits- und Möglichkeitssinn

„…, weil ein Individuum oder [eine] Klasse von Individuen gezwungen wird, mehr zu arbeiten als zur Befriedigung seiner Not nötig – weil Surplusarbeit auf der einen Seite –, wird Nichtarbeit und Surplusreichtum auf der andren gesetzt. Der Wirklichkeit nach existiert die Entwicklung des Reichtums nur in diesen Gegensätzen: der Möglichkeit nach ist eben seine Entwicklung die Möglichkeit der Aufhebung dieser Gegensätze.“ (MEW 42: 314)

Wenn wir hier versuchen, in groben Umrissen eine klassenkämpferische Strategie zu skizzieren, bedarf es zunächst einiger begrifflicher Klärungen. Denn auch wenn der Begriff der Klasse seit dem Ausbruch der Krise in Europa wieder häufiger zu hören ist, gilt, wer den Klassenbegriff in einem politisch-strategischen Sinne nutzbar machen will, noch heute als erfahrungs- und lernresistenter Traditionsmarxist*in. So gingen auch die Reaktionen auf unsere Umbenennung selten über „Das könnt ihr doch nicht ernsthaft meinen!?“ von einigen Polit-Aktivist*innen oder ein „Richtig so!“ von mehr oder weniger orthodoxen Leninist*innen hinaus. Dies verweist darauf, dass es in linken Gruppen kaum Auseinandersetzungen um den Klassenbegriff gibt – dort werden eher post-marxistische Multituden-Ansätze rezipiert, deren philosophische Hintergrundannahmen allerdings häufig nicht weniger problematisch sind als die der alten Klassenmetaphysik.2 Wenn es Auseinandersetzungen mit dem Klassenbegriff gibt, dann bleiben sie eher akademistisch in bloßer Analyse stecken, bar jeglicher politisch-praktischer oder gar strategischer Perspektive.3 Die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts (Faschismus, Fordismus, Stalinismus) und ihre theoretische Reflexion haben zu einer Entmystifizierung des Proletariats geführt, die letztlich bei weiten Teilen der (deutschen) Linken in einem „Abschied vom Proletariat“ (André Gorz) mündete. Die Entmystifizierung war notwendig und brachte einige nicht zurückzunehmende Einsichten zu Tage: Die Arbeiter*innenklasse ist nicht per se revolutionär, hat nicht objektiv eine historische Mission zu erfüllen; sie hat keinen privilegierten Standpunkt inne, von dem aus sie die ökonomischen Fetischismen eher durchschauen könnte als andere Gesellschaftsmitglieder; und der revolutionäre Klassenkampf ist nicht die alleinseligmachende Emanzipationsstrategie, deren Umsetzung gleich alle „Nebenwidersprüche“ mit erledigt. Ebenso wenig hat der Klassenkampf an sich einen die gegenwärtige Ordnung aufsprengenden Charakter. Auch wo er mit Verve, Klassenbewusstsein und Erfolg geführt wird, trägt er zur Reproduktion des Lohnarbeitsverhältnisses bei, indem er sich auf systemimmanente Interessen bezieht (Lohn, soziale Absicherung im Krankheitsfall etc.) und seine langfristigen Bedingungen sichert (Herstellung zahlungsfähiger Nachfrage, Reproduktion und Qualifikation der Arbeitskraft etc.). Er bleibt also zunächst in dem Sinne immanent, dass er nur die kollektive „Durchsetzung des Rechts der Arbeiter auf Erhaltung ihrer Arbeitskraft“ (Elbe 2008: 581) und verteilungspolitischen Kampf um einen Anteil am produzierten Mehrwert bedeutet.
Solch notwendiger Wirklichkeitssinn aber sollte uns nicht den Möglichkeitssinn verhageln. Soll die revolutionäre Umwälzung der Verhältnisse kein frommer Wunsch sein, braucht es Subjekte, die sie „machen“, und anzunehmen, dass die, die in dieser Welt nichts zu melden haben, eher ein Bedürfnis danach entwickeln, dass sich etwas ändert, ist keine Metaphysik, sondern basiert auf Erfahrung. Ob dieser Änderungswunsch ins Positive (Sozialismus) oder Negative (Barbarei) kippt, ist eine Frage, auf die der Klassenkampf eine Antwort geben könnte. Dass ein revolutionäres Proletariat nicht aus historischer Notwendigkeit zusammenwachsen wird, ändert daran nichts: „…nur weil etwas sehr schwer oder nur sehr unwahrscheinlich ist, heißt das noch nicht, dass es zum gewollten Ziel – dem Sozialismus – einen anderen Weg gibt als eben den schweren und sehr unwahrscheinlichen.“ (Dath 2014: 116)
Wenn wir von Klassenverhältnissen reden, geht es uns vor allem darum, die Trennung der unmittelbaren Produzent*innen des gesellschaftlichen Reichtums von den materiellen, sozialen und zeitlichen Bedingungen/Mitteln ihrer*seiner Produktion zu betonen, die für die kapitalistische Vergesellschaftung charakteristisch ist. Das konstitutiv auf diese Trennung (Klassenspaltung) angewiesene Kapitalverhältnis basiert damit zugleich auf einer Trennung von Produktions- und Reproduktionssphäre, die wiederum konstitutiv für die vergeschlechtlichte Arbeitsteilung im Kapitalismus ist. Beide Sphären stehen unter der Ägide verselbständigter Strukturgesetze und ihrer Vollstrecker in der herrschenden Klasse. Klassenkampf bedeutet für uns vor diesem Hintergrund den Kampf um die kollektive Aneignung4 der Bedingungen einer Produktion gesellschaftlichen Reichtums, die auf Bedürfnisbefriedigung und Entfaltung von Individualität gerichtet ist. Er findet nicht bloß – wie die alte Vorstellung wollte – in und vor den großen Fabrikhallen statt, sondern überall dort, wo die Verausgabung der eigenen Arbeitskraft durch andere kommandiert wird – ob in der Erziehung, der Pflege oder in patriarchalen Familienstrukturen.5
Soll der Klassenkampf revolutionär sein, ist er auf ein negatives Klassenbewusstsein angewiesen: Die Klasse der Lohnabhängigen muss sich als solche begreifen und in der gesellschaftlichen Totalität verorten, um diese und sich selbst als Proletariat aufheben zu können.6 Sich auf den Klassenkampf zu beziehen, bedeutet deshalb nicht (notwendig), sich auf systemimmanente Spiegelfechtereien einzulassen, sondern ist der Einsicht geschuldet, dass man sich nur als Klasse abschaffen kann, wenn man sich zunächst als Klasse durchschaut: „Bevor man wissen kann, warum man die Arschkarte gezogen hat und was sich daran ändern ließe, muss man wenigstens wissen, dass man sie gezogen hat.“ (Dath 2014: 81)7 Sich politisch-strategisch und nicht bloß theoretisch (Analyse von Kräfteverhältnissen) auf den Klassenkampf zu beziehen, ist ein Versuch, a) Widersprüche auszumachen, deren konfliktive Austragung Ansatzpunkte für die Entstehung transzendierender Momente sein könnte und b) diese Momente nicht als bloße Vielheit nebeneinander stehen zu lassen, sondern auf einen gemeinsamen Problemhorizont zu beziehen: die kapitalistische Klassengesellschaft, die – als Totalität – neben der Ausbeutung „tauschwertsetzender Arbeit“ auch eine Reihe anderer Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnisse einschließt.8

Potentiale einer Klassenkampforientierung

„Die Proteste werden dann gefährlich, wenn sie als Klassenkampf angesehen werden.“ (Klaus Schwab, Gründer und Präsident des Weltwirtschaftsforums, 2012)

Dieser Prozess der Solidarisierung muss gleichzeitig rassifizierte und vergeschlechtlichte Differenzen überwinden – was nicht heißen soll, dass der Kampf gegen rassistische und patriarchale Herrschaft identisch ist mit Klassenkampf, vielmehr ist dieser selbst angewiesen auf antirassistische und feministische Kämpfe, die der Eigenlogik der Reproduktion rassistischer und patriarchaler Herrschaft gerecht werden.t

Konkreter gesprochen, kann eine klassenkämpferische Strategie mit Totalitätsbezug vor diesem Hintergrund in dreierlei Hinsicht wirksam werden:

1.) Klassenkampf als Klammer für verschiedene Kämpfe: Sich als Teil einer Klasse zu begreifen ist Voraussetzung dafür, die Konkurrenz und die Interessengegensätze innerhalb der Klasse der Lohnabhängigen bearbeitbar zu machen. So kann eine Solidarisierung in Gang kommen, die den Einzelforderungen mehr Durchsetzungsfähigkeit verleiht und Interessen transformiert.9 Auf der Grundlage des oben benannten Klassenbegriffs werden auch Kämpfe um Reproduktionsverhältnisse, Kämpfe in Sektoren bezahlter und unbezahlter Reproduktionsarbeit, in die Klammer mit hineingezogen. Nicht nur die unternehmensförmige Warenproduktion, auch die private Reproduktion der Arbeitskraft ist „von Bedingungen geprägt, die ihr von der kapitalistischen Arbeitsorganisation sowie von den Produktionsverhältnissen auferlegt werden. […] die Produktion von Arbeiter_innen für den Markt macht sowohl die Produzent*innen als auch die durch diese Arbeit Reproduzierten unfrei“ (Federici 2012: 47).
2.) Reorientierung der Arbeit linksradikaler Politgruppen/unserer Arbeit: Der Abschied linksradikaler Politgruppen vom Proletariat lief auf abstrakte, nicht bestimmte Negation hinaus. Statt sich selbst als Teil der Klasse der Lohnabhängigen zu begreifen und dort aktiv zu werden, wo man selbst ausgebeutet und vernutzt wird, geriert man sich als Stimme der Vernunft und externer Mahner oder gar als eigentlich revolutionäres Subjekt. Natürlich sind Politgruppen keine Betriebsgruppen, dennoch würde sich eine andere Politikform ergeben, wenn sie sich/wir uns als Teil einer Klasse begreifen würden, deren Aufgabe in der Herstellung von Klassensolidarität besteht. Dann nämlich beginnt man sich Fragen nach Möglichkeiten und Potentialen von Streik-Soli-Arbeit zu stellen (s.u.), nach Möglichkeiten, beispielsweise Kämpfe an den Unis mit Kämpfen von Kita-Beschäftigten und anderen zu verbinden, statt das nächste Event, die nächste Kampagne oder Samstags-Demo für die Abschaffung der Lohnarbeit zu organisieren. Wir wollen wieder dort hingehen, wo es weh tut – und zwar nicht unseren mit Polizeiknüppeln traktierten Köpfen, sondern der herrschenden Klasse. Dabei könnten Politgruppen, die Einzelkämpfe mit gestalten, mit ihrem weit schweifenden Blick den Prozess der Solidarisierung und Politisierung forcieren und in die Einzelkämpfe ein wenig „sozialrevolutionäre Phantasie“ (Krahl 2008: 316) einbringen.
3.) Verbindung von Kritik und Bedürfnis: Im Klassenkampf als Kampf um Durchsetzung immanenter Interessen artikulieren sich Bedürfnisse.10 Dass sie als Interessen artikuliert werden, macht dabei Interessengegensätze und die Grenzen der eigenen Interessen deutlich. Immanente Klassen- als Interessenkämpfe bieten deshalb immer Ansatzpunkte, um den Bruch zwischen Bedürfnissen einerseits und an die Wertform gebundenen (Klassen-)Interessen andererseits „in Erfahrung zu bringen“. Wird in kollektiven Erfahrungs- und Reflexionsprozessen deutlich, dass die eigenen Bedürfnisse hier und heute nur befriedigt werden, sofern sie sich der Wertvergesellschaftung einpassen, vermitteln sich Bedürfnisse mit der kritischen Einsicht, dass eine gesellschaftliche Produktion, die auf die Bedürfnisbefriedigung und -entfaltung der Gesellschaftsmitglieder gerichtet ist, nur jenseits der kapitalistischen Klassengesellschaft zu haben ist – so werden aus Prolet*innen Kommunist*innen, die ihre Selbstaufhebung anstreben. Aus letzterem ergibt sich, dass eine bedürfnisbezogene Klassenkampforientierung, wie sie im Anschluss etwa an Agnes Heller oder Hans-Jürgen Krahl denkbar ist, es ermöglicht, die theoretische Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse mit den Bedürfnissen der Subjekte gesellschaftlicher Veränderung zu verbinden. Zwar müssen einerseits die Bedürfnisse der Theorie entgegenkommen – und Interessenkämpfe sind Ansatzpunkte, an denen das der Fall ist –, sie können von ihr nicht „herangezüchtet“ werden.11 Andererseits aber muss die Theorie auch den Bedürfnissen entgegenkommen, ansonsten bleibt sie wirkungslose Trockenübung, anstatt als Kritik zum „Kopf der Leidenschaft“ (MEW 1: 380) zu werden.
Die eigenen Kämpfe und Forderungen als Teil eines gemeinsamen, negativen Klassenkampfs zu begreifen, hat somit zum Ziel, zwischen Theorie und Praxis, zwischen Kritik und Erfahrung zu vermitteln. Damit wären wir bei der Frage der Organisierung, deren zentrale Aufgabe in dieser Vermittlung besteht.

Organisierung

„Der Inhalt revolutionärer Arbeit ist die Herbeiführung von Solidarität.“ (Kelb 2013: 32)

Gegenwärtig gibt es wieder vermehrte Bemühungen linker Aktivist*innen, Streik-Soli-Arbeit zu leisten, jüngst etwa zur Unterstützung des Arbeitskampfs an der Charité in Berlin, bei Amazon oder der Kita-Beschäftigten. Die Streik-Soli-Arbeit, wie sie auch in diesem Band vorgestellt wird, ist eine Form klassensolidarischer Praxis, in die die oben angestellten Überlegungen münden können. Gerade angesichts der jüngsten gesetzgeberischen (Tarifeinheit) und medialen (GDL-Hetze) Angriffe12 auf das Streikrecht ist diese Arbeit von besonderer Bedeutung und Dringlichkeit. Sie greift vor allem dort, wo gewerkschaftliche Vertretung an ihre Grenzen stößt – was zugleich ein Potential und eine Gefahr birgt. Die Krise der Gewerkschaften, ihre Unattraktivität für viele Beschäftigte (und daneben vor allem für nicht-beschäftigte Lohnabhängige), macht den Weg frei für Prozesse einer sektorübergreifenden, klassensolidarischen Selbstorganisierung, die durch Streik-Soli-Arbeit verstärkt werden können. Gleichzeitig aber besteht die Gefahr, dass Streik-Soli-Arbeit zu einer ehrenamtlichen Form des Organizing für den DGB-Apparat wird und somit sozialintegrative gewerkschaftliche Strukturen stärkt, die einer basisgewerkschaftlichen und auf Selbsttätigkeit angelegten Umwälzungsstrategie entgegenstehen. Das ist der eine problematische Aspekt, ein zweiter liegt unseres Erachtens darin, dass die durch die Unterstützung von Arbeitskämpfen angestoßenen Solidarisierungsprozesse wieder zu verpuffen drohen, sobald die Arbeitskämpfe vorbei sind.
Was es bräuchte, um diesen Effekt zu vermeiden und der Gefahr einer sozialintegrativen Vereinnahmung entgegenzuarbeiten, wäre eine langfristige, negativ-klassenbewusste Organisierung, in der die Lohnabhängigen – egal ob aktiv Streikende, Betriebsgruppen, Arbeitsloseninitiativen, Repro-Arbeiter*innen oder Soli-Aktivist*innen – mit ihren je unterschiedlich situierten Kämpfen einen Platz haben und eine gemeinsame, strategisch ausgerichtete Praxis entwickeln können, und zwar auf lokaler sowie überregionaler Ebene. Wir halten eine solche Organisierung13 aus mindestens drei Gründen für unverzichtbar. Erstens würde sie eine Struktur bieten, in der Erfahrungen geteilt werden können, anstatt sie – lokal vereinzelt – immer wieder neu machen zu müssen. Zweitens würde eine Organisierung die Wirkungsmacht der Arbeit stärken, nicht nur durch eine verbesserte Wahrnehmbarkeit dieser klassensolidarischen Praxisform, die neben den etablierten Gewerkschaftsapparaten operiert, sondern auch durch die Möglichkeiten der standort- und sektorübergreifenden Koordination von Aktivitäten. Drittens ist eine Organisierung als Ort der Vermittlung von Theorie und Praxis, der kritischen Analyse und strategischen Reflexion von Erfahrungen und des gemeinsamen Lernens wesentlich für die Aufgabe, die revolutionären Potentiale der Praxis zu fördern.14 Der praktische Versuch, die durchaus gegensätzlichen Interessen von verschiedenen Gruppen von Lohnabhängigen innerhalb einer Organisierung unter einen Hut zu kriegen, würde dazu beitragen, die gesellschaftlichen Strukturen offen zu legen, die eine Solidarisierung tendenziell verhindern, und so das Klassen- als parteiliches Totalitätsbewusstsein schärfen.
Das Ziel, die Selbsttätigkeit der Lohnabhängigen zu stärken und „langfristige Klassensolidarität […] organisationspraktisch [zu] stabilisieren“ (Krahl 2008: 311), ist angesichts der „Trümpfe der Herrschaft und Arschkarten der Befreiung“15 natürlich alles andere als leicht zu erreichen. Ein anderer Weg scheint uns momentan aber nicht in Sicht, um dem Klassenkampf von oben zu begegnen. Erst eine Organisierung rund um die Orte, an denen Herrschaft und Ausbeutung sich alltäglich reproduzieren, wäre in der Lage, reale Verbesserungen, strategische Praxis und kommunistische Perspektive zu verbinden.

Antifa Kritik & Klassenkampf, Frankfurt/Main im Januar 2015

Der Beitrag wurde zuerst in dem von Peter Nowak herausgegebenen Sammlband „Ein Streik steht, wenn mensch ihn selber macht Arbeitskämpfe nach dem Ende der großen Fabriken“ publiziert, der im September 2015 bei der edition assemblage erschienen ist.

Literatur

Cubela, Slave (2014): Klasse gemacht! Beiträge zur Aktualität der Klassentheorie, Wien.
Dath, Dietmar (2014): Klassenkampf im Dunkeln. Zehn zeitgemäße sozialistische Übungen, Hamburg.
Elbe, Ingo (2008): Marx im Westen. Die neue Marx-Lektüre in der Bundesrepublik seit 1965, Berlin.
Federici, Silvia (2012): Aufstand aus der Küche. Reproduktionsarbeit im globalen Kapitalismus und die unvollendete feministische Revolution, Münster.
Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft (2009): Thesen zur Krise, in: Kosmoprolet, Heft 2.
Gorz, André (1980): Abschied vom Proletariat – jenseits des Sozialismus, Frankfurt a.M.
Heller, Agnes (1976): Theorie der Bedürfnisse bei Marx, Westberlin.
Kelb, Berni (2013): Organisieren oder organisiert werden. Vorschläge für GenossInnen links unten, Hamburg.
Krahl, Hans-Jürgen (2008): Konstitution und Klassenkampf. Zur historischen Dialektik von bürgerlicher Emanzipation und proletarischer Revolution, 5. veränderte Ausgabe, Frankfurt a.M.
Kurz, Robert/Lohoff, Ernst (1989): Der Klassenkampf-Fetisch. Thesen zur Entmythologisierung des Marxismus, Online unter: http://www.krisis.org/1989/der-klassenkampf-fetisch
M31-Netzwerk (2013): Europäische Generalstreiks sind auch unsere Sache!, Online unter: http://strikem31.blogsport.eu/2013/04/30/hallo-welt/
Marx, Karl/Engels, Friedrich (1953ff.): Werke [MEW], Berlin.
Sozialistisches Büro [SB] (1973):“Warum machen wir ‚links‘?“ in: Sozialistisches Büro (Hrsg.): Für eine neue sozialistische Linke. Analysen, Strategien, Modelle, Frankfurt, S. 9-13.
Wallat, Hendrik (2010): Politica perennis. Zur politischen Philosophie des Postmarxismus, in: Dumbadze, Devi/Elbe, Ingo/Ellmers, Sven (Hrsg.): Kritik der politischen Philosophie. Eigentum, Gesellschaftsvertrag, Staat II, Münster, S. 272-316.
Wallat, Hendrik (2012): Staat oder Revolution. Aspekte und Probleme linker Bolschewismuskritik, Münster.
Wallat, Hendrik (2013): Trümpfe der Herrschaft und ? Arschkarten der Befreiung. Über die Notwendigkeit der Revolution, in: Phase 2, Heft 47, S. 34-36.
Winker, Gabriele (2011): Soziale Reproduktion in der Krise – Care Revolution als Perspektive, in: Das Argument 292/2011, Hamburg.
Zunke, Christine (2011): Es gibt nur einen vernünftigen Grund, Freiheit gesellschaftlich verwirklichen zu wollen: Moral, in: Elbe, Ingo/Ellmers, Sven (Hrsg.): Die Moral in der Kritik, Würzburg, S. 11-37.

  1. Näheres hierzu findet sich etwa in den Thesen zur Krise von den Freundinnen und Freunden der klassenlosen Gesellschaft (2009). [zurück]
  2. Zur Kritik der politischen Philosophie des Postmarxismus vgl. Wallat (2010). [zurück]
  3. Erfrischende Ausnahmen dazu stellen aktuell die Bücher „Klasse gemacht!“ von Slave Cubela (2014) und [zurück]
  4. Aneignung (die im Kleinen bereits bei direkten Aktionen beginnt) meint dabei langfristig nicht die bloße Übernahme der Produktivkräfte in ihrer bestehenden Form, sondern ihre Transformation zwecks Nutzbarmachung für eine bedürfnisorientierte Produktion. [zurück]
  5. Zur feministischen Neubestimmung des Klassenkampfs vgl. Federici (2012: 35ff). [zurück]
  6. „Klassenbewusstsein ist parteiliches Totalitätsbewusstsein“ – es besteht im „Zusammenhang von kollektiver Interessenorganisation, also Parteilichkeit, und richtiger gesamtgesellschaftlicher Erkenntnis, auch aller übrigen Klassen, also Totalitätsbewusstsein“ (Krahl 2008: 315). Hierin liegt ein zentraler Unterschied zum gängigen „Multitudirallala“ (Dath 2014: 116) – die Klasse der Lohnabhängigen muss sich als etwas begreifen, das sie nicht länger sein will, während die Multitude mit ihrer konstituierenden Macht bereits – ontologisch abgesichert – das ist, was nur noch durchgesetzt werden soll: produktiv, kollektiv-kooperativ, Liebe und Vereinigungen (vgl. Wallat 2010: 301). [zurück]
  7. Am radikalsten wurde die Verabschiedung vom Klassenkampf seitens der sogenannten „Wertkritik“ formuliert, in der der Klassengegensatz nur als „wertimmanenter Konkurrenzgegensatz verschiedener Warenbesitzerkategorien“ (Kurz/Lohoff 1989) erscheint. Diese Wertkritik ist jedoch kaum in der Lage, umwälzungstheoretisch zu denken. Klassenbewusstsein meint eine Form von Selbsterkenntnis, die sich zugleich als Welterkenntnis konstituiert. Nur durch diese sich selbst begreifende Kritik hindurch kann die tranzendierende Kritik theoretisch und praktisch geübt werden. Für jedes umwälzungstheoretische Denken ist es zentral, das Verhältnis von Immanenz und Transzendenz auszubuchstabieren, denn erst wenn dadurch die „Aporien der Emanzipation“ (Wallat 2012: 246) kenntlich gemacht werden, eröffnet sich die Möglichkeit, sie in der Praxis bewusst zu bearbeiten. Deshalb ist es auch so fatal, wenn Linke die ohnehin alltägliche Erziehung zur Denkfaulheit befeuern und empfehlen, die Bewegung solle weniger Denken und mehr Handeln, auf’s kritische Bewusstsein komme es nur akademisch verkorksten Studis mit avantgardistischen Allüren an – entweder Emanzipation findet mit kritischem Bewusstsein statt oder gar nicht. [zurück]
  8. Die Subjekte des Klassenkampfs sollen also nicht homogenisiert, sondern ihre Heterogenität auf einen gemeinsam geteilten gesellschaftlichen Zusammenhang bezogen werden, der die verschiedenen Positionen erst erzeugt, so dass die Heterogenität (Binnendifferenzierung der Klasse der Lohnabhängigen) als Moment der Homogenität (Struktur der kapitalistischen Produktionsweise) durchschaubar wird und umgekehrt die Homogenität als eine durch die Heterogenität reproduzierte. [zurück]
  9. Dieser Prozess der Solidarisierung muss gleichzeitig rassifizierte und vergeschlechtlichte Differenzen überwinden – was nicht heißen soll, dass der Kampf gegen rassistische und patriarchale Herrschaft identisch ist mit Klassenkampf, vielmehr ist dieser selbst angewiesen auf antirassistische und feministische Kämpfe, die der Eigenlogik der Reproduktion rassistischer und patriarchaler Herrschaft gerecht werden. [zurück]
  10. „Das Interesse ist […] im Gegensatz zum Bedürfnis ein Wollen, das immer schon eine normative Zugerichtetheit des Subjekts mit einschließt. Insofern ist das Interesse die Art, in der Bedürfnisse in der kapitalistischen Gesellschaft von bürgerlichen Subjekten verfolgt werden – im Interesse schwingt die Selbstlimitation der eigenen Bedürfnisse immer schon mit, die unter pragmatischen, zweckrationalen und also letztlich heteronom bestimmten und durch das Subjekt internalisierten Gesichtspunkten eingeschränkt wurden.“ (Zunke 2011: 14) [zurück]
  11. Die Theorie, die die Massen ergreift, wird zur materiellen Gewalt, aber nur wenn die Bedürfnisse bereitstehen, sie aufzunehmen.“ (Heller 1976: 52) [zurück]
  12. Diese vom Standpunkt des nationalen Gemeinwohls geführten Angriffe gehen eine versteckte Allianz mit dem erstarkenden reaktionären Konsens ein, der sich einerseits etwa in der Verschärfung des Asylrechts durch die Bundesregierung, andererseits in den rassistischen Mobilisierungen durch Pegida oder lokale Bürgerinitiativen gegen Flüchtlingsheime ausdrückt. Versprochen werden überall „deutsche Antworten auf Klassenfragen […]; dagegensetzen muss man umgekehrt Klassenantworten auf deutsche Fragen“ (Dath 2014: 138). [zurück]
  13. Weitergehende Überlegungen zum Organisierungsprozess finden sich in unserem Papier „Der kommende Aufprall“, zu finden auf unserer Website http://akkffm.blogsport.de. [zurück]
  14. Die Gewerkschaften fungieren heute immer weniger als massenintegrative Apparate, die stellvertretend Sozialreformen im Sinne der Beschäftigten durchsetzen. Wir haben heute erneut eine Situation, in der konkrete Verbesserungen immer mehr durch eine „selbsttätige[n] Assoziierung der lohnabhängigen Massen“ (Krahl 2008: 283) erkämpft werden müssen, da die etablierten Apparate diese Aufgabe kaum mehr übernehmen. Die Dialektik von Reform und Revolution, die Krahl außer Kraft gesetzt sah, ist somit heute zumindest ein Stück weit wieder eröffnet. [zurück]
  15. In seinem so betitelten Aufsatz weist Hendrik Wallat auf das „Dilemma der Habenichtse“ hin: „Während die Herrschenden ein gemeinsames Interesse an der Aufrechterhaltung der Herrschaft haben, die bei aller Konkurrenz zugleich eine spontane Solidarität generiert, ist dies bei den Beherrschten nicht der Fall. Die Ungewissheit der Befreiung und das Risiko, das eine Revolution darstellt, macht es für die Beherrschten ungleich schwerer zusammenzufinden.“ (Wallat 2013: 35) [zurück]