Zellkernerfahrung

Untersuchung – Aktion – Organisation«. Die Betriebsarbeit des Revolutionären Kampf (RK) bei Opel Rüsselsheim 1971–73 – Veranstaltungsbericht

erschienen im: express 08/2016

StraßenkampfDer »Revolutionäre Kampf« in Frankfurt gehörte nicht zu jenen K-Gruppen der Post68er-Zeit, die sich einbildeten, die einzig wahre Arbeiterpartei werden zu können (oder gar bereits zu sein). Mit anderen Gruppierungen war man sich allerdings darüber einig, dass eine Revolution nicht ohne ein kämpferisches Proletariat zu haben sein würde – entsprechend gingen zahlreiche RK-Leute ans Fließband bei Opel. Wie aber sah die Betriebsarbeit einer Gruppe aus, die sich selbst zu den »Spontis« zählte und sich mehr vom italienischen Operaismus als vom Marxismus-Leninismus inspirieren ließ?

Rief der Revolutionäre Kampf in Frankfurt zu einer Demo auf, gingen ohne weiteres fünftausend auf die Straße. Mit zeitweise 30 sogenannten »Innenkadern« bei Opel Rüsselsheim war er die wichtigste Sponti-Organisation der 70er Jahre – so erzählt es Rudolf Sievers, ein ehemaliger Aktivist des RK, der in seinem Vortrag am 14. Juni 2016 im Klapperfeld in Frankfurt/Main über die Betriebsarbeit des RK und dessen Konzept und Praxis der Organisierung berichtete. Das hohe Interesse heutiger PolitaktivistInnen an der damaligen Praxis zeigte die Zahl von 60 Gästen an. Mit Etienne Lantier1 war zudem noch ein anderer Genosse aus dem RK zugegen, der anders als Rudi selbst Innenkader bei Opel war und den Vortrag immer wieder um seine Erfahrungen ergänzen konnte. Zu der Veranstaltung eingeladen hatte die Antifa Kritik & Klassenkampf (AKK), eine linksradikale Frankfurter Gruppierung, die ihren Schwerpunkt jüngst von der Antifa-Arbeit auf die Organisierung von LohnarbeiterInnen verlagert hat und sich dafür intensiv mit Konzepten wie denen des Sozialistischen Büros oder des RK auseinandersetzt. Der Vortrag war Teil der Veranstaltungsreihe »Klasse – Macht – Kampf«.

Bedeutung der Spontis heute
Die Betriebsarbeit der Spontis sei für uns heute immer noch von Bedeutung, so ein Sprecher der AKK einleitend, weil sie einen Gutteil unserer eigenen Vergangenheit ausmache. Mit »uns« meinte er dabei die heutige undogmatische radikale Linke, die sich zentral von der damaligen Kritik des orthodoxen Marxismus und von der Frankfurter Schule herleite, dabei jedoch den Anspruch habe, die Kritik der letzteren an Kulturindustrie und Verdinglichung in Praxis umzuwenden. Vor allem aber sei Methode wie Scheitern des RK für die Praxis der AKK von Bedeutung, weil dieser sich von leninistischen Organisationsmodellen abgrenzte und von der Autonomie und Spontanität der ArbeiterInnen ausging. Für die Beschäftigung mit dem RK forderte der Sprecher eine praktisch orientierte Fragestellung: War die Praxis des RK richtig – und eine, die wir auch heute übernehmen sollten? Falls nicht, aus welchen Gründen war sie falsch, und was müssten wir dann anders machen?

Das »Untersuchungspapier«
Rudi stellte die Geschichte der Betriebsarbeit des RK in drei Etappen dar: die Gründung des RK, die Betriebsarbeit selbst und deren Scheitern. Die Gründungsgeschichte des RK korreliert mit dem Zerfall des SDS. Zwar hatten Rudi Dutschke und Hans-Jürgen Krahl auf dem SDSKongress 1967 in Frankfurt ihr Organisationspapier vorgestellt, was den Höhepunkt der theoretischen Arbeit des SDS markierte. Aber Dutschke war seit 1968 durch das Attentat auf ihn sehr geschwächt, Krahl kam dann 1970 ums Leben, und im selben Jahr ging Oskar Negt mit vielen SDS-GenossInnen nach Hannover.
Aus dem Zerfall des SDS war unter anderem die sogenannte Betriebsprojektgruppe (BPG) Frankfurt hervorgegangen, die vor allem aus SoziologInnen, meist Schülern Adornos, bestand. In dieser BPG wurde eine Diskussion um eine »revolutionäre Berufsperspektive« (Barbara Köster) geführt. Viele Intellektuelle waren zu diesem Zeitpunkt bereits in Betriebe gegangen, um dort zu agitieren. Die meisten von ihnen vertraten jedoch einen orthodoxen Maoismus und versuchten sich daher unkritisch an proletarische Verhaltensweisen anzupassen. Für die BPG machte die Verdinglichung im Bewusstsein auch vor dem des Proletariats nicht Halt, zumindest nicht in der BRD, einem der kapitalistischen Kernstaaten. Zudem konnte ein Wissen über die Verhaltensweisen und Bedürfnisse des Proletariats nicht einfach vorausgesetzt werden, Erkenntnisse hierüber mussten erst gewonnen werden.
Diese Diskussionen der BPG mündeten 1970 in den Text »Untersuchung – Aktion – Organisation«, gewissermaßen das Gründungsdokument des RK, das auch zur Schulung von neuen RK-Kadern eingesetzt wurde. Leider wurde das Papier im Vortrag nicht genauer vorgestellt. Es wird gewöhnlich als »Untersuchungspapier« bezeichnet und versuchte, Mao Tse Tungs Untersuchungskonzept durch Verbindung mit dem westlichen Marxismus auf die westdeutschen Verhältnisse zu übertragen. Maos Untersuchungskonzept forderte zentral, dass Kader in den Massen arbeiten sollte, um einerseits die Bedürfnisse der Massen zu studieren, um damit die Strategie der kommunistischen Partei adäquat bestimmen zu können, und um andererseits das Bewusstsein der Massen in einem gemeinsamen Kampf zu einem kommunistischen zu entwickeln. Dies wurde um die ideologiekritischen Theorieelemente des westlichen Marxismus und dessen Analysen der westdeutschen Verhältnisse angereichert. So heißt es im Untersuchungspapier, dass das westdeutsche Proletariat subjektiv mehr zu verlieren habe als seine Ketten. Das Kapitalverhältnis sei mystifiziert, die Medien seien zu einem Konsumartikel geworden, und selbst die Gewerkschaften trügen zur »Zerstörung des Bewußtseins der eigenen Lage«2 bei.
Ausgehend von diesem Untersuchungspapier entwickelte der RK seine Betriebsarbeit, vor allem bei Opel Rüsselsheim. Nach Rudis Einschätzung war sie, sowohl im Umfang als auch vom intellektuellen Potential her, die wichtigste Betriebsintervention in Deutschland. Organisatorisch wurde sie in »Zellkernen« umgesetzt: Jeder Zellkern bestand aus einem Innenkader im Betrieb sowie zwei Außenkadern, die den Kontakt mit dem Betriebler aufrechterhielten. Das strategische Ziel war aber, auf Betriebszellen in den Betrieben hinzuarbeiten, in denen die Arbeiter sich selbst organisieren würden, um schließlich zu autonomen Betriebszellen zu werden. Gelingen sollte dies durch die Entwicklung von Klassenbewusstsein durch die Kampferfahrung. Das wurde jedoch nicht als einseitiger Prozess verstanden, indem die Intellektuellen den Arbeitern das Klassenbewusstsein brächten, vielmehr sollten auch letztere erst ihr Klassenbewusstsein entwickeln. Durch die gemeinsame Kampferfahrung von Intellektuellen und Arbeitern sollte, wie Rudi formulierte, ein gemeinsames, das empirische Bewusstsein überschreibendes Klassenbewusstsein erlangt werden.

Agitation im Betrieb
In der Agitation im Betrieb, die vor allem auf der Basis von Flugblättern und Gesprächen stattfand, knüpfte man immer an die konkrete Situation im Betrieb an. Dies unterschied den RK wesentlich von den ML-Gruppen in Rüsselsheim, die direkt mit revolutionären oder kommunistischen Parolen agitierten. Beispiele für die Praxis des RK waren die Kampagne für eine Lohnerhöhung um »eine Mark für alle« oder für mehr Sicherheit im Betrieb. Im persönlichen Gespräch wurde dabei nie direkt ›agitiert‹, sondern erst, wenn man sich gut kannte. Denn flog man bei der Agitation auf und wurde so als Mitglied des RK enttarnt, war man recht schnell gekündigt.
Gerade nach den konkreten Abläufen der »Agitation«, d.h. nach der Kontaktaufnahme und Ansprache im Betrieb wurde in der Diskussion mehrfach gefragt. Etienne ging darauf leider nur spärlich ein und berichtete vor allem von den Problemen bei der Agitation. Die Gewerkschaft sei ein fundamentales Problem gewesen – weil sie wie ein Krake alle politische Tätigkeit kontrolliert habe. Man habe keinen Hammer in die Hand bekommen, bevor man nicht der Gewerkschaft beigetreten war. Außerdem sei es kaum gelungen, mit den Arbeitern ins Gespräch zu kommen, lediglich mit denjenigen, die sich ohnehin nicht mit dem Betrieb identifizierten. Im Allgemeinen gelang es auch nicht, gemeinsame Aktionen mit den Arbeitern durchzuführen. Eine Basis im Betrieb habe man trotzdem gehabt: die »Arbeiterspontis«, zu denen aber leider nicht mehr ausgeführt wurde.
Insgesamt habe der RK mit seinem Vorhaben so gut wie keinen Erfolg gehabt. Rudi führte dies auf einen Widerspruch in dessen Praxis zurück: Zwar war man nun mit den Arbeitern zusammen in der Fabrik, aber das Leben der Kader war immer noch das der »Spontis«. Dies wurde in dem RK-Text »Proletarischer Lebenszusammenhang« thematisiert. Es hieß dort, man dürfe nicht mehr in Sponti-WGs wohnen, sondern müsse nach Rüsselsheim ziehen, was einige Kader auch tatsächlich gemacht haben.
Die Frauengruppe des RK, die ihre Betriebsarbeit auf ein eigenes »Frauenpapier« gründete und in der Stadt bei Unternehmen wie Neckermann arbeitete, hatte hier wesentlich mehr Kontakte. Offenbar bestand aber zwischen dem »eigentlichen« RK und der Frauengruppe des RK ein recht konfliktgeladenes Verhältnis. Es bereitete Rudi auch heute noch sichtlich Schwierigkeiten, darüber zu sprechen. Leider ging er auch auf Nachfrage nicht genauer auf den Konflikt zwischen der Frauengruppe und dem Rest des RK ein.3

Das Scheitern des RK
In der Betriebsarbeit taten sich im Lauf der Zeit immer mehr Probleme auf, die in einem eigenen Papier namens »Die Krise der Betriebsarbeit« reflektiert wurden. Darin hieß es, dass die gegenwärtige Betriebsarbeit durch zwei Hauptmerkmale bestimmt sei: Frustration und Aktion. Es müsse die Frage gestellt werden, was »eigentlich unsere revolutionäre Aufgabe im Betrieb und im Stadtteil« sei. Das Papier analysierte als das »Grundproblem« des RK den Dogmatismus, dem der RK entgegen seinem Selbstverständnis verfallen sei, und übte eine Kritik an der Form der Agitation.
Rudi betonte, dass der RK trotz aller Probleme eine große Bedeutung hatte. So berichtete er über einen großen Kongress an der ENS (École normale supérieure) in Paris, wo eine gemeinsame europäische Zeitung für die Automobilindustrie gegründet werden sollte. Zu den Demonstrationen des RK seien Tausende gekommen – und diese, auch dies weist eben auf die Bedeutung des RK hin, mussten sich gegen türkische Faschisten von den »Grauen Wölfen« zur Wehr setzen, die die Demonstrationen mit Messern und Eisenstangen attackierten.
Das Ende der Betriebsarbeit trat 1973 ein. Mit einem wilden Streik in den Heller-Werken in Lippstadt hatte damals eine Streikbewegung begonnen, die der RK zum Anlass genommen hatte, auch in Rüsselsheim zum Streik aufzurufen. Über Nacht wurde dann das Flugblatt mit dem Streikaufruf gedruckt. Mit diesem Flugblatt fuhren die RK-Kader nach Rüsselsheim zum Opel-Werk, doch als man dort angelangt war, kamen die dortigen RK-Genossen aus dem Werk heraus und berichteten, dass sie nicht zum Streik aufrufen würden. Für sich würden sie zwar nicht viel riskieren – wenn ihnen gekündigt würde, dann würden sie eben wieder ihre Intellektuellenberufe ergreifen. Aber den Arbeitsplatz ihrer Kollegen könnten sie nicht gefährden.
Diese Weigerung der eigenen Genossen markiert, so Rudi, das Scheitern des RK. Sie führte zu heftigen Kontroversen im RK, aber auch zur Diskussion des Untersuchungskonzepts und zur Infragestellung des bisherigen Vorgehens im Betrieb. Auch wenn es keine formelle Organisationsentscheidung des RK gab, die Betriebsarbeit zu beenden, verlief sie sich in den folgenden Monaten – zuletzt auch schlicht darum, weil sich niemand mehr fand, der Innenkader werden wollte. Einige Kader vertraten die Position, dass es nicht reichte, zusammen mit den Arbeitern in der Fabrik zu sein, man müsste auch ihre Risiken und ihre Lebenszusammenhänge teilen. Sie gaben in der Folge ihre Perspektive auf eine Existenz in einem Intellektuellenberuf vollständig auf und blieben langfristig in den Betrieben. Die Geschichte des RK in der zweiten Hälfte der 70er ist jedoch durch Stadtteilarbeit und Häuserkampf bestimmt.

Fazit
Als größten Mangel der Arbeit des RK hob Rudi hervor, dass die Ergebnisse der Untersuchung nicht zugänglich seien. Zwar wurden tausende Seiten Protokolle von den Gesprächen und den Situationen in den Betrieben angefertigt, doch seien diese bis heute nicht ausgewertet. Rudi betonte, dass die Einblicke, die der RK gewonnen hatte, jede akademische industriesoziologische Forschung in den Schatten gestellt hätten.4
Rudi schloss seinen Vortrag, indem er auf drei Dingen, die ihm bei der Vortragsvorbereitung aufgefallen seien. Zum einen hatte er sein Studium aufgrund der damaligen Diskussion um eine revolutionäre Berufsperspektive abgebrochen, eine Diskussion, auf die sich auch das Untersuchungspapier bezogen hatte. Zweitens gingen die Betriebsinterventionen zeitlich genau von den Septemberstreiks bis zu der großen Streikbewegung 1973. Zwar habe es bei Opel Rüsselsheim keinen wilden Streik gegeben, aber einen sehr großen bei Ford. Dort hätten deutsche Arbeiter die streikenden migrantischen Beschäftigten mit Eisenstangen brutal überfallen und so den Streik gebrochen. Drittens könne als ein gewisser Erfolg der Betriebsintervention gewertet werden, dass sich das politische Klima bei Opel Rüsselsheim deutlich nach links verschoben hatte. Dies hatte bei den Betriebswahlen zum Wahlerfolg der Reform-Gruppe, der sogenannten Haller-Gruppe geführt, was man in Analogie zum indirekten Erfolg der (revolutionären) Studentenbewegung setzen könne, dass durch sie die reformistische Partei – die SPD – an die Macht gekommen war.
Etienne machte – zum Ende der leider wenig ergiebigen Diskussion – eine Bemerkung zur Bedeutung von Konzepten und Methoden des RK für die Gegenwart: Heute müsse die Organisierungsarbeit anders aussehen. Früher habe die Agitation in Werken wie Opel eine Stimmigkeit gehabt, weil die ganze Gesellschaft durch das Fließband bei Opel lahmgelegt werden konnte. Das sei aber heute nicht mehr so. Auch gebe es ›den Arbeiter‹ von damals so nicht mehr. Heute lasse sich stattdessen von einem »diffusen Proletariat«, bestehend aus Leiharbeitern, Gelegenheitsjobbern, etc. reden, und dies sei mehr oder weniger auch die Situation, in der sich heutige AktivistInnen befänden. Insofern müsse es aktuell weniger um die Agitation von »anderen« gehen, sondern um unsere eigene Organisierung gemeinsam mit anderen »diffusen ProletarierInnen«.

Anmerkungen:
1 Etienne Lantier: Name geändert.
2 Revolutionärer Kampf (BPG Frankfurt): »1. Untersuchung – Aktion – Organisation. 2. Zur politischen Einschätzung von Lohnkämpfen«, Merve Verlag, Berlin 1971.
3 Siehe auch Ulrike Heider: »Keine Ruhe nach dem Sturm«, Frankfurt/M. 2001 (Lesetipp der Redaktion).
4 Viele dieser Dokumente, Flugblätter und Protokolle existieren noch und befinden sich im Privatbesitz ehemaliger Kader. Viele Flugblätter und Zeitungen des RK sind abrufbar unter: www.mao-projekt.de/BRD/HES/DA/Ruesselsheim_Opel_Revolutionaerer_Kampf.shtml
express im Netz unter: www.express-afp.info


1 Antwort auf „Zellkernerfahrung“


  1. 1 Jürgen Schröder 07. Oktober 2016 um 2:09 Uhr

    Der wichtigste (solche Bewertung bleibt besser den Wichteln vorbehalten) Betriebsarbeitsansatz war der RK bei Opel wohl nicht.

    Ich finde ihre Publikationen arg flach. Ganz im Stil der Westberliner PL/PI und im eklatanten Gegensatz etwa zu der eher arbeiteraufklärerischen Roten Arbeitergruppe Frankfurt / Offenbach http://www.mao-projekt.de/BRD/HES/DA/Offenbach_Rote_Arbeiterzeitung.shtml von der sich wohl destotrotz auch einige dem RK anschlossen.

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