Archiv für September 2016

Über die „Bewegung“ in Frankreich während des Frühjahrs 2016

Klasse – Macht – Kampf im Oktober mit der Gruppe „Mouvement Communiste“ aus Paris über die „Bewegung“ in Frankreich während des Frühjahrs 2016.

Diesmal ausnahmsweise am dritten Dienstag im Monat:
18. Oktober 2016, 19:30 Uhr im Klapperfeld.

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Zurück zur Maulwurfsarbeit

Interview mit Torsten Bewernitz, Sozialwissenschaftler und Gewerkschaftsaktivist

zuerst veröffentlicht im Lower Class Magazine.

Mit „Nothing in common? Differänzen in der Klasse” (Münster 2015) hat Torsten Bewernitz einen Sammelband mit Beiträgen zu den Begriffen Klasse und Klassenkampf vorgelegt, den er am 10. Mai 2016 iim Rahmen unserer Veranstaltungsreihe „Klasse – Macht – Kampf“ vorstellte. Wir stellten ein paar Fragen zum Buch und darüber hinaus.

Kannst Du kurz Deinen Anschluss an und deine Abgrenzung vom traditionell-marxistischen bzw. marxschen Klassenbegriff erläutern?

Für die Definition von ‚Arbeiterklasse’ bleibt die Stellung in der Produktion bzw. im Kapitalismus für mich das A und O. Das heißt, es geht im Wesentlichen um die doppelt freie Lohnarbeiter*innen versus das Kapital (das weit schwerer zu bestimmen ist). Produktion muss hier, wie ihr es auch in dem Papier „Der kommende Aufprall“ betont habt, selbstverständlich Reproduktion einschließen und darf nicht zu dem Kurzschluss verleiten, dass „unproduktive Arbeit“ – das gilt für fast alle Dienstleistungen – keine Zugehörigkeit zur Arbeiter*innenklasse bedeuten würde. Das wusste aber, anders als oft behauptet wird, Marx (und insbesondere Engels) auch schon. Zentral dabei ist für mich die dadurch resultierende Arbeiter*innenmacht (Beverly Silver). (mehr…)

Zellkernerfahrung

Untersuchung – Aktion – Organisation«. Die Betriebsarbeit des Revolutionären Kampf (RK) bei Opel Rüsselsheim 1971–73 – Veranstaltungsbericht

erschienen im: express 08/2016

StraßenkampfDer »Revolutionäre Kampf« in Frankfurt gehörte nicht zu jenen K-Gruppen der Post68er-Zeit, die sich einbildeten, die einzig wahre Arbeiterpartei werden zu können (oder gar bereits zu sein). Mit anderen Gruppierungen war man sich allerdings darüber einig, dass eine Revolution nicht ohne ein kämpferisches Proletariat zu haben sein würde – entsprechend gingen zahlreiche RK-Leute ans Fließband bei Opel. Wie aber sah die Betriebsarbeit einer Gruppe aus, die sich selbst zu den »Spontis« zählte und sich mehr vom italienischen Operaismus als vom Marxismus-Leninismus inspirieren ließ? (mehr…)

Rassismus in der antideutschen Antifa-Szene

Die Kasseler BASH-Gruppe ak:raccoons hat anlässlich des Attentats am 12. Juni 2016 auf einen LGBT-Club in Orlando das Flugblatt „Das Problem heißt Islam“ „Das Problem heißt Islam“, [siehe auch die Kritiken „Das Patriarchat bleibt stabil!“ und „Komplexe Fragen, einfache Antworten?“] , geschrieben. Es versteht Frauenverachtung, Homophobie und Lebensverachtung als den Wesenskern des Islam und bezeichnet das Attentat als Angriff auf die westliche Zivilisation und die bürgerliche Freiheit. Dies ist eine rassistische Position, die hier aus der Antifa-Bewegung kommt. Weil wir aus derselben Bewegung kommen, wollen und können wir das nicht unkommentiert stehen lassen.

Das Flugblatt setzt als Grund für das Attentat in Orlando ebenso wie für den Islamischen Staat und für Homophobie in islamisch geprägten Ländern den Islam an. Dabei übergeht es hinsichtlich des Islams eine große Zahl von hier wesentlichen Gesichtspunkten, wie etwa die scharfen Distanzierungen vieler muslimischer Institutionen vom Islamischen Staat, die deutliche Verbesserung der Stellung von Frauen* durch den Islam in dessen Frühzeit, die Entstehung des politischen Islam während des Kolonialismus und der Modernisierung oder die islamische Frauenrechtsbewegung. Es stellt sich die Frage, was das ak:raccoons von dem Gegenstand seiner Kritik, dem Islam, der ja als solcher der Grund für die Probleme sein soll, weiß.

Klar ist dabei: Am Islam muss wie an jeder Religion kommunistische Religionskritik geübt werden, da Religion der Emanzipation entgegensteht. Hiervon gehen sicherlich auch die Leute vom ak: racoons, da sie sich als Kommunist*innen bezeichnen, aus. Von Kommunist*innen würden wir jedoch auch materialistische Analysen erwarten. Dann wäre allermindestens Skepsis angebracht, ob die Homophobie von Muslim*innen oder Attentate von Islamist*innen monokausal auf eine Idee wie den Islam zurückgeführt werden können. Jedoch wäre es dann notwendig über komplizierte Dinge wie Klasse, Krise, antimuslimischen Rassismus, Sozialpsychologie und auch die von der „bürgerlichen Freiheit“ hervorgebrachten patriarchale Geschlechterordnung gesprochen werden.

Stattdessen wird mit der Formel „Das Problem heißt Islam“ ein einheitlicher Kern dieser Religion hypostasiert, der absolut bösartig sein soll, und der jede*n einzelne*n Muslim*in in ihren*seinen Motivationen und Überzeugungen determiniert. Die*der Einzelne hat keine Chance, den Islam anders zu interpretieren, als von ak:raccoons behauptet. Genau dieselbe Hetze ist auf rechten Seiten wie pi-news seit vielen Jahren zu lesen. Die Formel selbst wurde als „Der Islam ist das Problem“ von Ralph Giordano im Zuge der klar rechten Proteste gegen den Bau einer Moschee in Köln geprägt. Es ist dies ebenso Rassismus, wie es Antisemitismus ist, wenn Anti-Imps die Unterdrückung von Palästinenser*innen auf ein zionistisches Wesen zurückführen.

Wer aber in das Loblied der „westlichen Zivilisation“ und der „bürgerliche Freiheit“ einstimmt, die*der ergreift nicht nur Partei für das Patriarchat oder die Ausbeutung des globalen Südens durch westliches Kapital mit Macht- und Gewaltmitteln. Sondern sie*er befeuert mit der Frontstellung gegen den Islam aktiv eine der gegenwärtig zentralen Legitimierungsideologien der westlichen Gesellschaften. Bei dieser Verteidigung der Freiheit stehen ak:raccoons mit Staatschef*innen und der Mitte der Bevölkerung vereint gegen die „barbarische Bedrohung“ – einstehend für eine Ideologie, die politisch nicht zuletzt für militärische Interventionen und die Verschärfung des Asylrechts genutzt wird. Diese Ideologie bereitet nun Donald Trump, Front National und AfD den Boden für ihre rassistische Agitation.

Wer solche Positionen vertritt, ist für antifaschistische Strukturen nicht Bündnispartner*in, sondern Gegner*in.