Patriarchat und Kapitalismus wegbügeln! – Frankfurter Positionen zur Care-Revolution

Im folgenden dokumentieren wir das aktuelle Positionspapier des von uns mitinitiierten AK Care Frankfurt:

Positionspapier des AK Care Frankfurt
zur Care Revolution Aktionskonferenz in Berlin vom 14.-16.3.2014

work and discussion in progress

Vom 14. bis 16. März 2014 fand die „Aktionskonferenz Care Revolution“ (care=engl. für Sorge(-arbeit)) in Berlin statt. Die Organisator_innen hatten zum Ziel, verschiedensten Akteur_innen und Aktivist_innen aus den Feldern sozialer Reproduktion – Gesundheit, Pflege, Assistenz, Erziehung, Bildung, Wohnen, Haushalts- und Sexarbeit – eine Plattform zum Austausch über Erfahrungshorizonte und gemeinsame Handlungsstrategien zu bieten.
Angestoßen durch einen Workshop der campusantifa zum Frauenkampftag am 8.März 2014 sind auch aus Frankfurt am Main Personen aus den verschiedensten politischen Zusammenhängen gemeinsam zur Aktionskonferenz gereist. Einige von uns1 wollen an dieser Stelle ihre Einschätzungen und ihre Kritik zur Diskussion stellen.

Care – what is the matter?
Was bedeutet es von ‚Care‘ statt von Reproduktionsarbeiten zu sprechen? Mit der Verschiebung vom Begriff Reproduktion zum Begriff Care ändern sich zum einen die Tätigkeiten, die in der Debatte eine Rolle spielen, zum anderen vollzieht sich ein Perspektivenwechsel in der Bewertung bestimmter Tätigkeiten. Reproduktionsarbeit umfasst Arbeiten, die im häuslichen Kontext und vor allem von Frauen* verrichtet werden. Die mit diesem Begriff verbundenen radikalen politischen Forderungen stellen sich wie folgt dar: Tätigkeiten, die als Reproduktionsarbeiten ausgezeichnet werden können, müssen als (gleichwertige) Form von Arbeit begriffen und als solche gesellschaftlich anerkannt werden (nicht mehr nur entlohnte Arbeit, darf als ‚produktive‘ Arbeit begriffen werden – Stichwort: „Lohn für Hausarbeit“). Aus dieser Perspektive ist die Einsicht zentral, dass die Aufrechterhaltung der kapitalistischen Produktionsweise von der von Frauen* im Privaten verrichteten (unentlohnten) Arbeit abhängig ist, da sie der Reproduktion der Arbeitskraft (d.h. vor allem von männlichen* Erwerbstätigen) dienen. Mit der Bezeichnung von Tätigkeiten wie Kochen, Putzen, Waschen, Kinder versorgen, Sex etc. als Reproduktionsarbeiten soll somit der Status dieser Tätigkeiten als Arbeit und ihre gesellschaftliche Rolle im Produktionsprozess sichtbar gemacht werden.
Seit den 1980ern wird die Debatte um Reproduktionsarbeit sukzessive abgelöst von einer Debatte über Care-Arbeit. Die als Reproduktionsarbeit begriffenen Tätigkeiten sollen der Nüchternheit dieses Terminus‘ entzogen werden, um eine spezifische ‚Qualität‘ dieser Arbeiten (verstanden als Handlungen, die vor allem ein Subjekt-Subjekt-Verhältnis betreffen und „Kompetenzen“ wie Fürsorge, Anteilnahme usw. erfordern) hervorzuheben. Zudem geht es um eine (normative) Aufwertung: Care-Arbeit funktioniert demnach nicht nach der gleichen Produktivitäts- und Akkumulationslogik wie andere Erwerbsarbeiten und ist nicht äquivalent rationalisierbar. So kann mit Care auch die Bedeutung und Relevanz von Selbstsorge oder Sexarbeit erfasst werden.
Damit verschiebt sich die Rechtfertigungsperspektive: Die angestrebte Aufwertung häuslich verrichteter Arbeiten anhand der Bezeichnung als Reproduktionsarbeit hebt den ‚Arbeitscharakter‘ und den Stellenwert dieser Arbeiten im (Re-)Produktionsprozess hervor. Die Bezeichnung dieser als Care-Arbeit kehrt den besonderen Charakter hervor und fokussiert weniger ihre Funktion innerhalb der gesellschaftlichen Verhältnisse. Care stellt dabei einen „Containerbegriff“ dar, der unterschiedlich (und damit auch neoliberal) gefüllt werden kann. Die Grenzen dessen, was unter Care verstanden wird, sind nicht klar umrissen, woraus auf der einen Seite eine Erweiterung des Blicks, aber auch eine Unschärfe hinsichtlich möglicher politischer ‚Angriffspunkte‘ resultieren kann.
Das Aufkommen der Debatte um Care-Arbeit ist auch eine Reaktion auf den politisch-ökonomischen Prozess, dass vormals rein privatisierte Tätigkeiten im Postfordismus teilweise kommodifiziert werden. Obwohl viele Tätigkeiten längst ihren Einzug in den Lohnarbeitssektor gefunden haben, bleibt ihre Feminisierung erhalten; sie werden gesellschaftlich nicht aufgewertet und bleiben prekär und schlecht bezahlt. Innerhalb dieser abgewerteten, weiblich* konnotierten Tätigkeitsfelder schreibt sich wiederum eine vergeschlechtlichte Arbeitsteilung fest, da Führungspositionen vor allem von Männern* besetzt werden. Die Care-Debatte reagiert damit auch auf die neoliberalen Verhältnisse und vermeintlichen Emanzipationsgewinne einiger, zumeist weißer, Mittelschichtsfrauen, die nun selbst Lohnarbeitende sind, während die Arbeit in den Haushalten vierlerorts an zumeist (illegalisierte) migrantische Hausarbeiter*innen ausgelagert wird.

Hiervon ausgehend stellt sich für uns die Frage, ob durch die Ablösung der Debatte um Reproduktionsarbeit zugunsten der Care-Debatte eine Konzentration auf die Bedingungen von hauptsächlich institutionalisierten und entlohnten Tätigkeiten wie die Arbeit in Alten-/Pflegeheimen, Kliniken etc. stattfindet. Weil aber die Kommodifizierung von Care-Tätigkeiten nicht mit der Auflösung patriarchaler und rassistischer Arbeitsteilung einhergeht, fürchten wir, dass die Tatsache, dass noch immer zumeist Frauen* den Haushalt schmeißen und sich für Care-Arbeiten verantwortlich fühlen (müssen), in den Hintergrund gedrängt wird respektive aus dem Blickfeld der Kritik verschwindet. Daran schließt für uns die Frage an, ob es in politischen Auseinandersetzungen folglich ‚nur‘ um eine Verbesserung von Lohnarbeitsbedingungen geht, während den im Privaten verrichteten (meist unentlohnten) Arbeiten keine Aufmerksamkeit zukommt und diese weiterhin unsichtbar bleiben.

Deshalb haben wir uns im Vorfeld der Konferenz in Berlin vor allem gefragt:
wie gehen die verschiedenen Akteur*innen auf der Konferenz mit den Differenzen und Problematiken von Reproduktions- und Care-Begriff um?
wo können wir (aus unserer Position) mit politischen Interventionen ansetzen?
Und auf welche gesellschaftlichen Veränderungen zielt die postulierte ‚Care Revolution‘?

Who cares?
Über 500 Menschen haben sich im März in verschiedenen Workshops ausgetauscht, vernetzt und über eine ‚Care Revolution‘ und ‚die‘ Krise sozialer Reproduktion diskutiert. Die Beteiligten verorteten sich dabei in einem breiten Spektrum: von Beschäftigen in Medizin, Pflege oder Sexarbeit über organisierte migrantische Haushaltsarbeiter_innen, Flüchtlingsfrauen* und Projekten mit Kindern und Jugendlichen mit Beeinträchtigungen, die behindert werden, bis zu linksradikalen, antifaschistischen, queerfeministischen und gewerkschaftlichen sowie Recht auf Stadt-Aktivist_innen. Als erstes gemeinsames Statement des Netzwerks wurde eine auf der Konferenz selbst nicht unumstrittene2 Resolution verabschiedet, in der einige zentrale Diskussionspunkte aus den Workshops zusammengeführt wurden.
Vor allem in den einzelnen thematischen Workshops wurde für uns deutlich, dass die Aneignungen des Care-Begriffs und die damit verbundenen Forderungen sich ebenso heterogen zeigten, wie das Teilnehmer_innenfeld; geäußerte Forderungen bezogen sich jedoch vor allem auf Lohnarbeitsverhältnissen und engten die Gesamtperspektive somit stark ein3: Alltägliche (Reproduktions-)Arbeiten wie Kochen, Kindererziehung, Putzen, Sex wurden weniger thematisiert. Stattdessen rückte insbesondere (entlohnte) Pflegearbeit in den Fokus.
Die Diversität von Einzelpersonen, Gruppen und Initiativen stellte auch eine Bereicherung dar, wir haben verschiedene Positionen kennengelernt und neue Kontakte geknüpft. Gleichzeitig lassen sich die sozialen Differenzen zwischen den Beteiligten nicht einfach ‚wegbügeln‘; die Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisse, die alle unterschiedlich betreffen, wurden während der Konferenz und in der Resolution jedoch kaum explizit benannt. Dabei sind beispielsweise Rassismus, Sexismus und Ableism nicht gleichzusetzen, sondern unterliegen unterschiedlichen Mechanismen, die auch in politischen Handlungsstrategien und Forderungen reflektiert werden müssen. Aus unserer Perspektive ist es ebenso unerlässlich, (eigene) Privilegien zu thematisieren, damit diese nicht (unkritisch) reproduziert werden. Dazu gehört unserer Ansicht nach auch das Dilemma zwischen subalternen Positionen und Paternalismus.

„Sorry, das ist keine Liebe, sondern Arbeit…!“
Zurück zu den Begriffen. Mit der Bezeichnung bestimmter Tätigkeiten als Reproduktionsarbeit respektive als Care-Arbeit verschiebt sich also die Perspektive der Kritik, ebenso wie die Be-/Aufwertung dieser Tätigkeiten. Tätigkeiten, die als Reproduktionsarbeiten bezeichnet werden, werden häufig nicht mit Vergnügen verrichtet und als lästig betrachtet, während Tätigkeiten, die als Care-Arbeit verstanden werden, im Kontext der Konferenz als positiv affirmiert wurden (Stichwort: „I love care“). Hierin scheint implizit die Annahme zu stecken, dass Lohnarbeit (und ihr Pendant) per se keinen Spaß machen kann, während umgekehrt Carework ein normativ positiver Charakter zukommt: impliziert wird, dass diese Tätigkeiten gerne und mit emotional positiven Empfindungen verrichtet werden. Warenförmig organisierte Care-Arbeit wurde als „kühl“, jede privat geleistete als „gut/besser“ dargestellt. Aber: aus der Warenform direkt kann nicht abgeleitet werden, wie sich die Subjekte in dem jeweiligen Verhältnis begegnen. Hier wird nochmal deutlich, dass sich die unter diesen beiden Begriffen verstandenen Tätigkeiten zwar überschneiden, aber nicht deckungsgleich sind.
Die Affirmation von Care-Arbeit klingt an, wenn die Forderungen lauten: wir brauchen (nur) mehr Zeit, größere Anerkennung und bessere Arbeitsbedingungen und Bezahlung. Bei diesen Forderungen stehen zu bleiben, verkennt allerdings, dass damit die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung nicht automatisch aufgehoben oder der Verantwortungslast familialer Strukturen enthoben ist. Es scheint kaum möglich, eine Position einzunehmen, in der es weder moralisch verwerflich, noch ökonomisch begründbar wäre, sagen zu können: „I don’t care.“ An einigen Stellen in der Resolution scheinen uns die Forderungen und Kritikpunkte in eine Richtung zu gehen, die nicht nur von einem Modell der bürgerlichen Kleinfamilie ausgehen, sondern dieses auch reproduzieren und normativ aufladen. Unseres Erachtens nach müssten jedoch Forderungen in den Bereichen der Tätigkeiten, die sowohl unter Reproduktionsarbeit als auch unter Care-Arbeit begriffen werden können, stärker in Richtung einer Kollektivierung (mit dem Ziel, kleinbürgerliche Familienstrukturen aufzubrechen) gehen. Dies ist elementar für eine queerfeministische Perspektive, die sowohl im Rahmen der Konferenz als auch in der Resolution nicht oder nur unzureichend repräsentiert war und ist. Diese stellt allerdings unser Ansicht nach einen zentralen Ausgangspunkt dar, um geschlechterspezifische Arbeits-/Rollenzuweisungen zu überwinden, die eben nach wie vor (ob zu Zeiten der Reproduktions- oder aktuell während der aktuellen Care-Debatte) ein tiefgreifendes gesellschaftliches Problem darstellen.

Ein weiteres wichtiges Spannungsverhältnis, das im Rahmen der Aktionskonferenz nicht näher thematisiert wurde, stellt auch die Positionierung zum ‚Staat‘ dar: während einige Gruppen die Auflösung staatlicher Strukturen favorisieren, erfolgt von anderen eine Anrufung des Sozialstaates. Wieder andere scheinen diese strukturierende Dimension in ihren Analysen und Forderungen ganz auszublenden. Gleichzeitig blieb die Kennzeichnung der eigenen Position und Sichtweise im globalen Kontext häufig unterbelichtet: von welcher Krise sprechen wir, für wen?

Nach der Konferenz ist vor der Konferenz oder: wie weiter?
Für uns haben sich in der Nachbereitung einige Fragen gestellt, die wir hiermit zur weiteren Diskussion stellen wollen:

- Zurück zu Reproduktionsarbeit oder ‚handle with care‘? Wie gehen wir mit dem Begriff Care weiter um? Wir sehen die Gefahr, dass die Vergeschlechtlichung von Care-Arbeit quasi ‚weggebügelt‘ wird und weiter unsichtbar bleibt. Gleichzeitig wollen wir in der Debatte mitmischen und fühlen uns der Care-Bewegung assoziiert. Brauchen wir vielleicht einen neuen Begriff, da Reproduktionsarbeit zu begrenzt ist und Care in Bezug auf die dahinter liegende Gesellschaftsanalyse zu unscharf?
Soll Politik in der ersten Person oder / und die Unterstützung lokaler Kämpfe unser Ziel sein? Was bedeutet Politik in der ersten Person eigentlich für uns? Anstatt paternalistischer Fürsprache(-Politik) wollen wir davon ausgehen, wie unsere alltäglichen Probleme und Erfahrungen mit Care- und Reproduktionsarbeiten aussehen – uns also aus den Verhältnissen nicht ausklammern, sondern in diesen mitdenken. Denn wir alle haben Care-Verpflichtungen, auch wenn diese unterschiedlich verteilt sind.

Ein erster Schritt war für uns die Gründung eines Frankfurter AK Care, in dem Menschen aus verschiedenen Spektren – antifaschistisch, antikapitalistisch, antirassistisch und (queer)feministisch – und mit verschiedenen Care-Praxen und -Verpflichtungen zusammen kommen und sich miteinander austauschen/neue Möglichkeiten der Vernetzung ausloten.
Falls du Lust bekommen hast, dich einzubringen und mit uns gemeinsam zu überlegen, wie eine politische Praxis zu diesem Thema (auch in Frankfurt am Main) aussehen kann, schreib uns an (carefrankfurt@lists.riseup.net) und komm zu einem unserer Treffen.

Veranstaltungshinweise:
Care, Crisis, Communism? Am 18.06.2014 diskutieren u.a. Mitglieder der Gruppe Kitchen Politics // weitere infos coming soon

* Die Sternchen im Text kennzeichnen, dass es sich um Identitäten handelt, die unklare Ränder haben, nicht „natürlich“ und nicht mit sich selbst identisch sind.

  1. Wir setzen uns sowohl aus akademischer wie auch aktivistischer Sicht mit der Care-Debatte auseinander – über alle anderen (Selbst-)Positionierungen müssen wir noch diskutieren. Unsere Erwartungen und Eindrücke schildern wir hier aus einer Position heraus, in der wir uns fragen, wie Reproduktions- und Carearbeiten gesellschaftlich und in unserem eigenen Umfeld und unseren Lebensverhältnissen anders organisiert werden können. [zurück]
  2. Kritipunkte waren unter anderem der Nicht-Einbezug der Forderung nach einem allgemeinen Grundeinkommen und die marginale Thematisierung der Arbeitsteilung als nach wie vor vergeschlechtlichter. [zurück]
  3. Neben den insgesamt recht unscharfen Konturen des Care-Begriffs blieb im Rahmen der Konferenz ebenso offen, wie genau die Krise, in der sich soziale Reproduktion befindet, definiert wird, als auch, was in diesem Zusammenhang als ‚Revolution‘ gedacht werden kann. [zurück]